Die Schärfenebene in der Makrofotografie | MAKROTREFF
  • Seidenbiene, Colletes fodiens, Männchen, Rainfarn, Blüte, Tanacetum vulgare, gelb
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Die Schärfenebene in der Makrofotografie

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Die Schärfenebene in der Makrofotografie

Di, 20/09/2016 - 09:57
5 comments

Immer wieder stellen Makronisten fest, dass bei ihren Aufnahmen beispielsweise eine Fliege oder Biene trotz geschlossener Blende nicht ausreichend scharf abgebildet wird - und sind frustriert. Bekannte Einflussfaktoren hierbei sind die gewählte Blende und die Focus-Stacking-Methode.
Es gibt noch einen weiteren, häufig nicht beachteten Faktor, der sich ganz maßgeblich auf die in der Schärfezone befindlichen Objektteile auswirkt - die Ausrichtung der Kamera zum Objekt (Perspektive).

Die in der Makrofotografie ist bekanntlich sehr gering. Das frustriert viele , vor allem in ihrer Einstiegsphase in die Makrofotografie. Nun weiß Jeder: "Blende zu, und man hat ordentlich Tiefenschärfe". Und wem die noch nicht reicht, für den gib´s die "Wunderwaffe" Fokus-Stacking. Die ergibt Tiefenschärfe bis zum Abwinken!

Doch ganz so einfach ist das nicht. Will man Fokus-Stacking einsetzen, muss das Objekt regungslos sein - das ist in der Naturfotografie nur selten der Fall und schränkt die Aussagekraft der Fotos sehr ein! Und auch die geschlossene Blende bringt bei großen Abbildungsmaßstäben nur einen verhältnismäßig schmalen Tiefenschärfenbereich - und ist zudem nach oben begrenzt durch die auftretende Beugungsunschärfe. So geschieht es immer wieder, dass hoch motivierte Makronisten zum x-ten Mal beispielsweise eine Biene bei der Nektaraufnahme auf einer Blüte fotografieren, und die Gute wird einfach nicht scharf!

Häufig liegt dieses Problem in der Art und Weise der Kamera-Ausrichtung zum Objekt. Bleiben wir beim Beispiel der Biene. Bei allen folgenden Fotos der "gelben Biene auf gelbem Grund" handelt es sich um die heimische Seidenbiene (Colletes fodiens), fotografiert in ihrem natürlichen Lebensraum bei der Nahrungsaufnahme, und fast immer in Bewegung. Sie verharrt höchstens für Bruchteile einer Sekunde - also Fokus-Stacking weitestgehend ausgeschlossen. Anhand dieser Bildserie verdeutliche ich den blenden-unabhängigen Einfluss der Ausrichtung der Kamera auf die Wirkung der Tiefenschärfenebene in der Praxis.


Das erste Bild zeigt die Seidenbiene als Ergebnis einer häufig vollzogenen "fotografischen Annäherung": Biene sitzt auf Blüte, Kamera raus, sich langsam mit der Kamera vor dem Auge (oder am Ende eines ausgestreckten Arms :-) ) der Biene nähern und, sobald Biene einigermaßen scharf, lässt man das berühmte Vögelchen rausfliegen!

Männchen der Seidenbiene (Colletes fodiens) bei der Nektaraufnahme auf Rainfarn (Tanacetum vulgare)

Olympus E-M1; Sigma 105mm f/2.8 Makro, ISO 200; Blende 8.0; 1/250 Sek.


Was stimmt nun an diesem Foto nicht? Eigentlich fast alles! Vor allem - es hat irgendwie keine Schärfe! Egal, wo man hinschaut, nur an wenigen Körperbereichen der Biene darf sich das Betrachterauge an wirklich scharfen Stellen "ausruhen". Und dass, obwohl die korrekt platziert ist! Und obwohl Blende 8 eingesetzt wurde: beim Mikro-Four-Third Sensor die am weitesten geschlossene Blende, ehe die Beugung sichtbar zu beugen beginnt!
(Anmerkung: Im Mikro-Four-Third-System ist die Blende 8 nicht isoliert von der Wirkung der eingesetzten Brennweite zu sehen und somit auch nicht vergleichbar mit den Abbildungscharakteristiken der Blende 8 bei Systemen mit anderen Sensorgrößen.)

Der Grund hierfür ist in der Ausrichtung der Kamera zur Biene zu finden, anders formuliert: in der Perspektive. Die Biene sitzt in jeder Hinsicht schräg (zur Kamera): nicht senkrecht unter der Kamera, sondern schräg von oben; nicht seitlich im rechten Winkel, sondern schräg von hinten links nach vorne rechts. Wo soll hier eine Schärfenebene wirkungsvoll wirken?

Stelle Dir im Geiste die Schärfenebene tatsächlich als EBENE vor, die im rechten Winkel vor der optischen Achse (Verlängerung des Objektivs) liegt. Es ist eine Ebene, in der nur auf wenigen Millimetern, dort dafür aber alles scharf ist.
Nun "fahre" mit Deinem geistigen Auge diese Ebene langsam auf die Seidenbiene zu. So, wie die Biene oben im Bild zu dieser Ebene hin sitzt, KANN immer nur ein kleiner Bereich ihres Körpers scharf sein - egal, wo Du die Ebene stehen lässt, wohin Du sie platzierst! Entweder rutscht automatisch der Körper nach hinten (oder nach vorne) aus der Ebene heraus, oder von oben nach unten. Das Ergebnis: Du hast eigentlich immer ein (zu) unscharfes Tier!


Nun richten wir die (sich ständig bewegende - grins) Seidenbiene schrittweise im Sinne von mehr Schärfengewinn aus:

1. Schritt: Wir drehen uns mit der Kamera so, dass die Biene möglichst quer zu uns sitzt: 


Nun ist schonmal der größte Teil des Körpers in der . Vorher im Bild 1 verließ der Bienenkörper bereits kurz hinter den Flügelansätzen die Schärfezone - mit dem Ergebnis, dass durch den relativ großen Flächenanteil des unscharfen Hinterleibs irgendwie die ganze Biene zu wenig scharf wirkte!

Aber hier im Bild senkt sich der Hinterleib des Bienen-Mannes etwas nach unten - und verlässt dadurch wieder die Schärfenebene. Deshalb:

2. Schritt: Wir senken die Kamera auf "Bienenhöhe":

Männchen der Seidenbiene (Colletes fodiens) bei der Nektaraufnahme auf Rainfarn (Tanacetum vulgare)

Olympus E-M1; Sigma 105mm f/2.8 Makro, ISO 200; Blende 8.0; 1/250 Sek.


Jetzt ist nahezu der gesamte Bienenkörper in der schmalen Tiefenschärfenebene - und damit auch scharf! Nur die Hinterleibsspitze, die ist ein wenig widerspenstig ...

Männchen der Seidenbiene (Colletes fodiens) bei der Nektaraufnahme auf Rainfarn (Tanacetum vulgare)

Olympus E-M1; Sigma 105mm f/2.8 Makro, ISO 200; Blende 8.0; 1/250 Sek.


... Jetzt nicht mehr! Nun ist die ganze Biene vom Scheitel bis zum letzten Abdomen-Haar scharf - oder anders ausgedrückt, innerhalb der . Und das bei ansonsten exakt gleichen fototechnischen Parametern: gleiche Blende, gleiche Brennweite! Nur die Ausrichtung der Kamera zur Biene wurde verändert - mit der Folge, dass möglichst viele ihrer Körperteile (hier die komplette Breitseite) flächig im rechten Winkel zur Kamera in der Schärfenebene liegen. Gegenüber dem ersten Bild oben ist der Tiefenschärfenbereich der gleiche, er wird nur anders wahrgenommen, weil er mehr Motivbereiche, mehr "Biene" erfasst!

Beachte, dass immer möglichst viele Motiv-Teile innerhalb der quer verlaufenden Schärfenebene liegen!

Das heisst jetzt natürlich nicht, dass jedes Motiv immer schön quer sitzen muss. Das würde mit der Zeit ziemlich langweilige Bilder-Wiederholungen ergeben. So kann auch eine leichte Schräg-Positionierung in der Vogel- sprich "Bienenperspektive" (also auf gleicher Höhe) sehr wirkungsvoll sein:

Männchen der Seidenbiene (Colletes fodiens) bei der Nektaraufnahme auf Rainfarn (Tanacetum vulgare)

Olympus E-M1; Sigma 105mm f/2.8 Makro, ISO 200; Blende 8.0; 1/250 Sek.


Obwohl in diesem Bild der Bienenhinterleib ebenfalls nach hinten der entfleucht, hat es Berechtigung. Die Spannung entsteht durch die Stellung der Biene in Verbindung mit der tiefen Aufnahmeposition.

Das nächste Foto verdeutlicht die gleiche Gegebenheit bei einer völlig anderen Perspektive:

Portrait des Männchens der Seidenbiene (Colletes fodiens) auf Rainfarn (Tanacetum vulgare)

Olympus E-M1; Sigma 105mm f/2.8 Makro, ISO 200; Blende 8.0; 1/250 Sek.


Es handelt sich um ein Portrait der Biene. Doch auch hier gilt das gleiche Prinzip: Die wesentlichen Teile des Motivs sollten in der liegen. Und obwohl der Bildbereich, der in der Schärfe liegt, im Verhältnis zum Gesamtfoto eine geringere Größe aufweist als bei der Queransicht oben, deckt er nahezu komplett den wesentlichen Motivbereich ab, nämlich das Gesicht der Biene.

Liegt die Schärfenebene nicht auf einem relativ großen Bereich des Hauptmotivs, sollte sie den wichtigsten Bereich des Hauptmotivs betonen!


Natürlich sind auch von diesem Grundsatz kleine Abweichungen möglich, wenn ansonsten Bildparameter wie Perspektive, Bildaufteilung usw. passen. Dies verdeutlicht das nächste Foto:

Portrait des Männchens der Seidenbiene (Colletes fodiens) auf Rainfarn (Tanacetum vulgare)

Olympus E-M1; Sigma 105mm f/2.8 Makro, ISO 200; Blende 8.0; 1/250 Sek.


Beim diesem seitlichen Portrait des Seidenbienen-Männchens liegt die "Fläche" des Bienengesichts nicht exakt im rechten Winkel zur optischen Achse. Folge: Das linke, hintere Auge liegt bereits außerhalb der .
In diesem Fall ist das aber "verkraftbar", weil zum einen der Schärfepunkt tatsächlich exakt auf der Gesichtsbehaarung, den Kiefernzangen (Mandibeln), dem rechten Auge und dem linken Fühler liegt. Zum anderen strahlt dieses Bild aufgrund der Bildaufteilung (Biene in rechter Bildhälfte, nach links ins Bild hinein schauend), dem tiefen Aufnahmewinkel und nicht zuletzt der außergewöhnlichen Farbe (nur schwarz und gelb) eine große Harmonie aus und spricht den Betrachter direkt und positiv an. Da geht die Unschärfe im linken Auge etwas unter.


Hier nochmal die Wirkung im direkten Vergleich:

Seidenbiene (Colletes fodiens) Seidenbiene (Colletes fodiens)


 


Beachte bei exakt gleichen fototechnischen Parametern die unterschiedliche Wirkung der . Beim linken Bild sitzt die Biene quer und wurde schräg von oben fotografiert. Die Schärfenebene liegt extrem ungünstig und deckt nur wenige Körperstellen ab - die Biene wirkt insgesamt unscharf.
Beim rechten Foto liegt die Schärfenebene auf der kompletten Seite der Biene, fotografiert von einem tieferen Winkel aus - die Biene wirkt scharf!

Der Tiefenschärfenbereich ist bei beiden Fotos der gleiche, er wird aufgrund seiner unterschiedlichen Motiv-Abdeckung nur anders wahrgenommen!

In diesem Sinne viel Spaß beim Makrofotografieren und "Gut Licht",

Roland Günter

Kommentare

Erstellt von Uwe (nicht überprüft) on Mi, 21/09/2016 - 18:16 Permanenter Link

Diese Erklärung ist Dir super gelungen, Danke für die Arbeit.
Ich kann viel mitnehmen und werde in Zukunft auf die Ebene achten die ich fotografiere.
Und vor allem ich habe verstanden wo die Schärfe liegen muss, um gute Fotos zu machen.
Aber mir ist auch bewusst, dass dazu viel Geduld gehört um letztendlich ein gutes Foto zu erhalten.

Frage: Kennst Du die Biene persönlich?
Denn sie hat ja alles mitgemacht was Du erklären wolltest. (breites grinsen).

Hallo Uwe,

ja, ich kenne die meisten der Tiere (auch Insekten!), die ich fotografiere, "persönlich", weil ich sehr oft umfassende Foto-Dokumentationen erstelle und währenddessen viel Zeit mit ihnen verbringe. Dabei lernt man sich gegenseitig kennen, schätzen, manchmal auch lieben :-) !
Häufig erstelle ich dann auch solche Fotoreihen wie diejenige der "gelben Biene auf gelbem Grund", bei denen ich auch gezielt Fotos mache, die nicht optimal sind - aber halt oft genau so von Makronisten erstellt werden (das sehe ich immer wieder auf meinen Workshops und Einzelcoachings). Solche Fotoreihen setzte ich dann wiederum gerne zur Verdeutlichung bestimmter Bildwirkungen bei meinen Workshops und Coachings ein.

Lieber Gruß

Roland

Erstellt von HaDi Rö (nicht überprüft) on Mi, 28/09/2016 - 18:47 Permanenter Link

Ganz toller Bericht und auch ich habe da einiges mitgenommen zumal ich in letzter Zeit sehr viel mit dem Stativ arbeite bzw. möchte ;) danke für die Mühe und weiter so!!!

Erstellt von M.Franzius (nicht überprüft) on So, 16/10/2016 - 09:38 Permanenter Link

Neben der Schärfeebene, die hier gut beschrieben wurde, gibt es Focus Breaketing, Focus Stacking UND Tilt-Adapter. Ich habe im ebay einen Tilt-Adapter für MFT Kameras und Nikon Objektive entdeckt...

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