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Schärfen und Unschärfen

Hallo Rob,

wo die Grenze von Schärfe- zu Unschärfeanteilen liegt, kann man bzw. sollte man nicht allgemein festlegen. Aber nähern wir uns mal von einer anderen Seite diesem Thema:

Schärfe als "Lenkungs"-Mittel

Die Festlegung des Schärfepunkts auf einen bestimmten Bildbereich ist eines der Mittel, mit denen der Fotograf den Blick des Bildbetrachters lenkt. Es ist fast so wie die Aufforderung an den Bildbetrachter: "Hier sollst Du hinschauen". Somit ist klar, dass in der Regel die Schärfe auf das Hauptmotiv bzw. Teile davon gelegt wird. Denn das Hauptmotiv ist ja genau das, was ein Fotograf in der Regel dem Bildbetrachter vorrangig zeigen möchte.

Die Absicht des Fotografen

Es mag banal klingen, aber somit ist es wichtig, genau diese Absicht bewusst zu definieren: Was will ich als Fotograf vorrangig dem Bildbetrachter zeigen? Vorrangig! Also in erster Linie, oder anders formuliert, als oberstes Ziel. Das ist wichtig! Denn "oberstes Ziel" muss nicht unbedingt das gesamte Hauptmotiv sein. Es können beispielsweise auch nur Teile des Gesichts, gegebenenfalls sogar nur die Augen als das Wichtigste innerhalb eines Gesichts, sein.

Beispiel Schwebfliegenbild

Und damit sind wir bei der Schwebfliege im Flug. Sie schaut in Richtung Bildbetrachter. Somit ist der Augenkontakt das Wichtigste, was hergestellt werden sollte. Da bei einer Schwebfliege aus dieser Perspektive die Augen das Größte im Gesicht sind bzw. die größte Fläche im Schwebfliegengesicht einnehmen, muss hier nicht nur die Schärfe hin, sondern sie ist vom Bildbetrachter auch sehr schnell als solche erkennbar. Damit ist dem oben genannten Hauptziel genüge getan.

Unschärfen zur Unterstützung von Schärfen

Nun stellt sich die nächste Frage: Wie kann ich den Fokus des Bildbetrachters möglichst exklusiv genau auf diese großen, attraktiven Schwebfliegenaugen lenken? Eine Möglichkeit hierzu ist, den Rest des Bildes in Unschärfen zu legen, also für wenig Ablenkung auf den übrigen Bildflächen zu sorgen. Unschärfen eignen sich somit hervorragend als stilistisches Mittel.

Genau das hast Du oben im Bild gemacht: Blende auf (damit auch die kurze Verschlusszeit ermöglicht), den Schärfepunkt exakt auf die Facettenaugen gelegt, und die gelbe Blüte im Hintergrund, die dem ganzen Foto die Erdung verleiht (ansonsten würde die Schwebfliege in der großen Leere des Kosmos herumfliegen), in eine angenehme Unschärfe gelegt. Diese Unschärfe nimmt ihr die dominierende Wirkung weg, die sei schon alleine aufgrund der hellen, knalligen Farbe hat. Absolut klasse ist, dass die Unschärfe nur so unscharf ist, dass die Blütenform dennoch erkennbar bleibt und somit dort nicht irgendein Fleck im Bild hängt, sondern eben – deutlich erkennbar – eine Blüte, die für Erdung sorgt.

Und was hat das alles mit Spagetti zu tun?

Und damit kommen wir – fast automatisch – zu Loriots Spagetti :-). Mit dem kleinen Stiel am unteren Bildrand, den ich retuschieren würde, verhält es sich ein wenig so wie mit dem kleinen Spagetti-Stück auf Evelyns Wange im berühmten Loriot-Sketch: Einmal entdeckt, schaut man immer wieder dorthin. Der Betrachterblick wird fast magisch davon angezogen. Warum? Weil er genügend Schärfe aufweist, um eine gewisse Abbildungsdominanz zu bekommen.
Betrachte diesen Aspekt unter der oben formulierten Frage: Was will der Fotograf dem Bildbetrachter zeigen? Dieses überproportional dominante Stück "Spagetti"? Nein, sicherlich nicht. Also muss ihm die Dominanz genommen werden – Mittel hierzu sind mehr Unschärfe (im Nachhinein nicht mehr beeinflussbar) oder eben, wie bei diesem Beispiel hier, wegretuscheln.

Wie gesagt, das mag alles etwas banal klingen, was ich hier schreibe. Aber es geht immer wieder um die Wahrnehmung des Bildbetrachters. Und diese lenkt der Fotograf. Also ist es sehr zielführend, sich als Fotograf völlig bewusst solche Gedanken über die eigene Absicht zu machen bzw. sich solche Gedankenketten mal Stück für Stück bewusst aufzubröseln. Das habe ich jetzt und hier mal beispielhaft gemacht. Damit ergibt sich in der Regel, wie man bei einem Motiv jeweils mit Schärfen und Unschärfen umgeht.

Liebe Grüße

Roland

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