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ADMIN

Hallo Sven,

ich kann Deine Emotion, resultierend aus dem Erlebten, was Du oben beschrieben hast, gut verstehen. Es ist tatsächlich für uns Menschen kein schöner Anblick, die Hummeln so "hilflos" am Boden liegen zu sehen.

Aber der Schluss, die ganze Sache stünde im Zusammenhang mit dem, was wir mit unseren Augen sehen und mit unserem Gehirn zusammenfügen können, ist unkorrekt. Wir sehen eine Hummel, apathisch, anscheinend flugunfähig und wehrlos auf dem Boden. Dann sehen wir die Milben. Und nun kombinieren wir, das eine hinge mit dem anderen zusammen. Das ist Menschenlogik, so funktionieren wir. Wir haben unsere Möglichkeiten der Wahrnehmung, und wir unterliegen allzuoft dem Irrtum zu denken, so, wie wir wahrnehmen, funktioniere unsere Umwelt. Das stimmt aber sehr oft nicht - so wie hier auch im Fall der apathischen Hummeln.

Erstens ist es anders, zweitens als man denkt

Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass zwischen diesem apathischen Verhalten der Hummeln und den Milben ein Zusammenhang besteht. Dieser "Huckepack-Transport" funktioniert schon seit Jahrmillionen - erfolgreich, und auch zum Vorteil der Hummeln, die dadurch ihre Nester "sauber" halten, das hatte ich oben beschrieben.

Und ich habe schon sehr häufig tatsächlich völlig mit Milben besetzte Hummeln oder auch andere Wildbienenarten gesehen, die NICHT dieses apathische Verhalten zeigten (deshalb habe ich oben auch mal ein Bild einer solchen voll besetzten Biene eingestellt). Ich habe allerdings schon unzählige Vertreter dieser Tiergruppe beobachtet, die sehr apathisch, ja kurz vor dem Tode waren, aber nur sehr wenige Milben auf sich trugen. (Übrigens: Fast alle Hummelköniginnen tragen diese hellbraunen Milben - man muss nur lange genug suchen!)

Wie oben beschrieben, ist dieses Transport-Phänomen insbesondere ein Ereignis des Frühjahrs. Vorrangig sind Hummelköniginnen, aber auch zahlreiche andere Wildbienenarten, betroffen, die ihr Überwinterungsquartier verlassen und sich auf die Suche nach einem geeigneten Ort für die neue Staatengründung machen. Die Milben stammen aus dem Vorjahresnest und haben bereits mit den Königinnen zusammen überwintert. Milben, die im alten Nest zurückbleiben, sterben alle ab.

Was passiert nun? Warum findet man - und da gebe ich Dir völlig Recht - so viele elendig wirkende, apathische Hummeln?

Die Grundlagen-Biologie

Bevor die Königinnen ins Winterquartier gehen, saugen sie ihre sogenannte Honigblase mit Honig voll. Das geschieht in der Regel im August oder Anfang September - also zu einer Jahreszeit, in der in der Regel relativ viele nektarproduzierende Pflanzen im Lebensraum sind. Von diesem Vorrat lebt dann der Hummel-Organismus über den Winter in seiner Ruhephase. Und die im Ende Februar bzw. März erscheinende Königen hat erste einmal auch nur den Rest dieses Vorrats aus ihrer Honigblase zur Verfügung, um aus dem Winterquartier zu krabbeln, sich aufzuwärmen, loszufliegen und die nächsten Nahrungspflanzen zu suchen.

Und nun kommt der ganz gefährliche Engpass! In dieser frühen Jahreszeit gibt es nur sehr wenige blühende, nektarproduzierende Pflanzen. Wenn die Königin nun also nicht baldmöglichst Nahrung findet, wird sie schwach, apathisch, und im äußersten Fall stirbt sie. Dies ist also eine ziemlich gefährliche Phase im Leben einer Hummelkönigin.

Landwirtschaft, Glyphosat, Neonicotinoide & mehr

Und was ist in den vergangenen Jahren nachweislich in großem Stil geschehen? Die Wildpflanzen unserer Lebensräume gehen insbesondere infolge von Lebensraumzerstörung und vor allem infolge der Wirtschaftspraxis insbesondere der konventionellen Landwirtschaft zurück, verschwinden teilweise sogar komplett aus Lebensraumbereichen (Stichworte Glyphosat und Noenicotinoide - siehe hierzu auch den Offenen Brief führender Entomologen hier bei Makrotreff). Und die fehlen nun den Hummeln - entweder, weil sie eben gar nicht mehr da sind, oder weil die Abstände zwischen den noch wenigen vorhandenen Pflanzen so groß sind, dass der Energieaufwand, sie zu erreichen, für die Hummelköniginnen größer ist als der Energienutzen, den sie aus ihrem bereitgestellten Nektar ziehen. Mit einer anhaltenden Negativ-Energiebilanz überlebt kein Lebewesen auf diesem Erdball!

Das Prinzip der Plausibilität

Wir wissen nicht zu hundert Prozent, ob dies die Hauptursache für die "apathischen" Hummeln ist - aber es ist äußerst plausibel, weil logisch, dass dies zumindest stark mit hineinspielt. Wir kennen zumindest Teile der Biologie dieser Tiere. Wir wissen in etwa, was sie wann benötigen. Und wir wissen, wie sich zur Zeit im Eilzug-Tempo unsere Umwelt dramatisch verändert. Wir brauchen nur dieses Wissen zusammenzuführen, um diese Erkenntnis höchster Plausibilität zu erhalten. Dazu brauchen wir eigentlich auch nicht weitere wissenschaftliche Erhebungen, die wir dann zu den zigtausenden dazulegen, die wir schon haben, die aber bisher nicht im geringsten zum Stoppen dieser Entwicklung führen konnten.

Viren, Nematoden & mehr

Es gibt noch weitere Faktoren, die hier mit reinspielen könnten. Hummeln haben, wie die meisten Tierarten, Gegenspieler. So werden zum Beispiel Hummeln von einem Protozoon namens Nosema bombi befallen. Hierbei handelt es sich um ein Virus. Seinem Spezies-Namen bombi ist bereits zu entnehmen, dass es sich auf Hummeln spezialisiert hat. Für Honigbienen gibt´s eine eigene Ausgabe dieses unangenehmen Teils, aus der gleichen Gattung, namens Nosema apis.
Jedoch wissen wir bis heute noch sehr wenig über Viruserkrankungen bei Hummeln. Also wissen wir auch sehr wenig, wie sich Viruserkrankungen auf das Verhalten von Hummeln auswirkt.

Zum Weiteren sind Hummeln stark durch Nematoden gefährdet, insbesondere durch Sphaerularia bombi (da ist ja schon wieder ein bombi). Sie dringen in die Abdomen der überwinternden Hummelköniginnen ein. Nachdem die Hummeln dann im Frühjahr erwachen und das Winterquartier verlassen, fangen die Nematoden an "zu arbeiten": Sie legen ihre Eier in der Hummel ab, aus denen nach wenigen Tagen die Larven schlüpfen. Sie fressen verschiedene Organe der Hummel, auch die Honigblase. Derweil fliegen die Hummelköniginnen draußen herum, zeigen aber bereits Verhaltensänderungen. Sie gründen nie Nester, sondern orientieren sich wieder in Richtung Überwinterungsquartier, wo sie langsam zu Grunde gehen.

Mal wieder Glyphosat und Neonicotinoide

Tja, und die heutige "moderne" Landwirtschaft kommt dann mit der Doppelkeule: Zunächst werden mit Glyphosat die Nahrungspflanzen vernichtet. Und die wenigen Hummeln, die dann noch nicht verhungert sind, bekommen flächenhaft Neonicotinoide auf den Hummelpelz "gebrummt". Neonicotinoide wirken zum teil äußerst grausam. Manche töten nicht sofort, sondern dringen ins Innere der Insekten ein und beeinflussen unter anderem beispielsweise das Gehirn. Es wurde nachgewiesen, dass mit Neonicotinoiden "beschenkte" Wildbienen die Orientierung verlieren und ihre Nester nicht mehr auffinden können - also auch hier Veränderungen des Verhaltens mit schwerwiegenden Folgen. Und ob diese chemischen Stoffe beispielsweise die Hummeln schwächen und über das "normale" Maß hinaus anfällig machen für Viren- und Nematoden-Befall, weiß nicht mal der liebe Gott.

Industrie-Hummeln

Hinzu kommt, dass heutzutage Hummeln massenhaft industriell produziert werden - vorrangig für die Bestäubung von Tomaten in fußballfeldgroßen Gewächshäusern. Schließlich will Homo sapiens ganzjährig rote Tomaten im Discounter erwerben. Dies sind Brutstätten von Krankheiten. Was diese teils sehr anfälligen Industrie-Hummelvölker so alles an Krankheiten in die freie Natur zu den Wildvölkern bringen, auch das weiß noch nicht mal der liebe Gott.

All diese Beispiele können alleine oder in Kombination miteinander für die oben beschriebenen "apathischen" Hummeln verantwortlich sein. Sie alle führen zu Verhaltensänderungen bis hin zum Tode.

Dies zeigt, dass Zusammenhänge in der Natur und ihren Systemen oft nicht so sind, wie sie sich uns mit unseren Sinneswahrnemungs-Möglichkeiten und unserer Art zu denken erschließen. Die oben beschriebene Symbiose zwischen der hellbraunen Milbe und den Hummeln existiert erfolgreich für beide Seiten seit Jahrmillionen. Die aufgezählten "neuen Faktoren" existieren seit wenigen Jahren, maximal Jahrzehnten. Nun sollte man sich nach logischem Menschenverstand die Frage der Plausibilität stellen - und ehrlich beantworten.

Lieber Gruß,

Roland

PS: Du könntest übrigens solchen "apathischen" Hummeln mit dem Angebot von Nahrung helfen. Ob dies sinnvoll ist, sei dahingestellt; das sollte sich Jeder selbst beantworten.
Mit einer Zuckerlösung (KALT, nicht warm!!!) können die stark geschwächten Tiere gestärkt werden. Hier verweise ich auf zwei Links, die nähere und solide Informationen dazu bieten:

Zuckerlösung für Hummeln

Hummel-Fütterung?

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