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Der Weg zum Bild...

Hallo Mainecoon,

das Blatt ist gebogen, deshalb kann es nicht in seiner gesamten Länge in die sehr schmale Schärfeebene gesetzt werden. Somit habe ich mir die Linie gesucht, die hinsichtlich ihrer Kontraste am dominantesten ist und damit das Betrachterauge am meisten anzieht; das ist die linke Blattkante. Sie wird von der Sonne frei angestrahlt (abgesehen von den letzten Millimetern zur Blattspitze) und befindet sich auf ihrer gesamten Länge vor beruhigtem Hintergrund. Daraus resultiert ihre dominante Wirkung.

Nun habe ich die Kamera im rechten Winkel zu den unteren zwei Dritteln dieser Linie ausgerichtet. Dieser untere Teil – von der Blattspitze bis knapp über die Mitte der Blattkante – ist relativ gerade; die Hauptkrümmung des Blattes und damit auch der Kante nach hinten findet im oberen Drittel statt. Hätte ich die Schärfe dorthin gelegt, wäre ein deutlich kleinerer Teil der Blattkante scharf gewesen. Die meiste Schärfe konnte ich also im unteren, relativ geraden Bereich abgreifen. Außerdem ist es häufig vorteilhaft, eine Blattspitze mit in die Schärfe zu bekommen – vor allem, wenn sie so stark ausgeprägt ist wie beim Hartriegelblatt. Eine Spitze wirkt wie ein Magnet für das Betrachterauge :-).

Nun habe ich zusätzlich die Kamera bzw. die optische Achse seitlich so verschoben, dass möglichst viel Blattfläche in die schmale Schärfeebene rutscht, damit die attraktive Blattaderung gut zur Geltung kommt. Dabei durfte die angesprochene linke Blattkante natürlich nicht wieder aus der Schärfeebene rausrutschen.

Ich habe mich also nicht an der Blattachse orientiert. Ich habe vielmehr Bereiche des Blattes gesucht, die attraktiv und dominant sind und die Kamera dann so ausgerichtet, dass möglichst viele davon in der schmalen Schärfeebene liegen (Frühstücksbrettchen vom Workshop).
Zusätzlich habe ich bewusst als "Abschluss" die Blattspitze mit in die Schärfeebene genommen.

Zusammenfassung:
Zunächst habe ich die optische Achse im rechten Winkel auf die untere Hälfte bis knapp zwei Drittel der linken Blattkante ausgerichtet, sodass diese scharf abgebildet wird. Dabei achtete ich darauf, dass die Blattspitze mit von der Schärfe erfasst wird. Anschließend holte ich durch seitliches Verschieben der optischen Achse zusätzlich möglichst viel Blattfläche mit in die Schärfe hinein.

Generelles:
Ziel ist es bei so einem Motiv also, zum einen möglichst viele Bereiche der zu mehreren Richtungen gebogenen Hauptmotivfläche in die Schärfeebene zu bekommen und zum anderen dabei die optisch dominantesten Bereiche (z.B. Kontrastkante, Blattspitze) mit zu erfassen. Das klingt ein bisschen schwierig, so wie die Anforderung "das Runde in das Eckige" zu kriegen :-). Das Hauptmotiv (das gesamte Blatt) ist gebogen, die Schärfeebene ist gerade und dabei sehr schmal.
Nun geht es darum, eine Ebene zu finden, in der die wesentlichen Elemente innerhalb des Hauptmotivs nahezu parallel zur optischen Achse liegen – unabhängig von der Blattachse. Beim Bild oben kommt noch zusätzlich einschränkend die Gegenlichtsituation hinzu. Man muss also darauf achten, dass einerseits die tolle Gegenlichtwirkung erhalten bleibt, andererseits aber die tief stehende Sonne nicht direkt in das Objektiv strahlt. In der Praxis kann das so aussehen, dass man um das Blatt herumläuft wie ein Puma um seine Beute, bis dies richtige Positionierung gefunden ist und damit die höchste Bildwirkung erreicht wird – und das alles in der Tiefe eines Gebüschs :-)!

Das mag jetzt alles ein wenig kompliziert klingen – ist es aber nicht. Man muss vielmehr eine Sichtweise entwickeln, die mit ein bisschen Übung dann rasch zum Ergebnis führt. Das Bild oben vom Roten Hartriegel ist überhaupt nichts Besonderes, das kann man jetzt im Herbst so gut wie an jedem Strauch direkt um die Ecke machen (ich bei mir im Garten) – wenn man weiß, worauf man achten muss. Dann sieht man das Motiv, wirft ruckzuck die Kamera in die richtige Position, lässt das Vögelchen fliegen – und schon ist das Bild im Kasten...

Lieber Gruß,

Roland

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