Wollensak 75mm/1.9 Cine Raptar am Roten Hartriegel

Nach einiger Zeit der Abwesenheit – ich war unter anderem mal wieder im Gebüsch unterwegs :-) – bin ich wieder zurück und finde eine Menge neue tolle Fotos hier auf Makrotreff. Da will ich doch gleich mal ein Herbstfoto einstellen: Rote Hartriegel (Cornus sanguinea).

Egal, ob mit Klassikern wie Oreston und Helios oder mit so exklusiven Schätzen wie dem Cyclop oder dem lichtstarken Olympus 1.2/55mm – mit vielen Vintage-Objektiven lassen sich zur Zeit tolle Fotos von verfärbten Blättern machen.

Diesem Roten Hartriegelblatt hier habe ich durch verschiedene Sträucher hindurch mit dem Wollensak 75mm/1.9 Cine Raptar nachgestellt. Die Sonne schaute heute immer mal wieder durch die Wolkendecke hindurch und brachte die roten Blätter ähnlich einer Laterne zum Leuchten. Dies sind äußerst dankbare Motive insbesondere für Objektiv-Oldies; hier können sie mit dem Licht und den Strukturen im Inneren der Sträucher spielen und zeigen, was sie drauf haben.

Wichtig bei solchen Fotos mit der sehr geringen Schärfentiefe: Die Kamera so ausrichten, dass mindestens eine Blattkante als Linie exakt im rechten Winkel zur optischen Achse liegt. Dann die schmale Schärfeebene der offenen Blende genau auf diese Blattkante legen. Das Ergebnis ist eine Schärfe- und Kontrastkante (oben im Bild die linke Blattkante), die dem Foto einen gewissen Schärfeeindruck verleiht, obwohl in den sonstigen Bildbereichen kaum Schärfe vorhanden ist. Das Betrachterauge kann sofort auf dieser Kontrastkante ankern und von dort aus auf Entdeckungsreise ins malerische Hinterland gehen :-).

Kommentare

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Makronist

Hallo Roland,

dazu habe ich eine Nachfrage, weil ich deine Beschreibung noch nicht ganz verstehe: Du standest 1. also nicht parallel zum Blatt, und hast 2. den Fokus nicht etwa auf die Blattachse gelegt, sondern auf die (von uns aus gesehen) linke Blattkante?

Aber damit hast du doch "als Linie exakt im rechten Winkel zur optischen Achse" gar nicht eingehalten?

Viele Grüße

Mainecoon

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ADMIN

Der Weg zum Bild...

Hallo Mainecoon,

das Blatt ist gebogen, deshalb kann es nicht in seiner gesamten Länge in die sehr schmale Schärfeebene gesetzt werden. Somit habe ich mir die Linie gesucht, die hinsichtlich ihrer Kontraste am dominantesten ist und damit das Betrachterauge am meisten anzieht; das ist die linke Blattkante. Sie wird von der Sonne frei angestrahlt (abgesehen von den letzten Millimetern zur Blattspitze) und befindet sich auf ihrer gesamten Länge vor beruhigtem Hintergrund. Daraus resultiert ihre dominante Wirkung.

Nun habe ich die Kamera im rechten Winkel zu den unteren zwei Dritteln dieser Linie ausgerichtet. Dieser untere Teil – von der Blattspitze bis knapp über die Mitte der Blattkante – ist relativ gerade; die Hauptkrümmung des Blattes und damit auch der Kante nach hinten findet im oberen Drittel statt. Hätte ich die Schärfe dorthin gelegt, wäre ein deutlich kleinerer Teil der Blattkante scharf gewesen. Die meiste Schärfe konnte ich also im unteren, relativ geraden Bereich abgreifen. Außerdem ist es häufig vorteilhaft, eine Blattspitze mit in die Schärfe zu bekommen – vor allem, wenn sie so stark ausgeprägt ist wie beim Hartriegelblatt. Eine Spitze wirkt wie ein Magnet für das Betrachterauge :-).

Nun habe ich zusätzlich die Kamera bzw. die optische Achse seitlich so verschoben, dass möglichst viel Blattfläche in die schmale Schärfeebene rutscht, damit die attraktive Blattaderung gut zur Geltung kommt. Dabei durfte die angesprochene linke Blattkante natürlich nicht wieder aus der Schärfeebene rausrutschen.

Ich habe mich also nicht an der Blattachse orientiert. Ich habe vielmehr Bereiche des Blattes gesucht, die attraktiv und dominant sind und die Kamera dann so ausgerichtet, dass möglichst viele davon in der schmalen Schärfeebene liegen (Frühstücksbrettchen vom Workshop).
Zusätzlich habe ich bewusst als "Abschluss" die Blattspitze mit in die Schärfeebene genommen.

Zusammenfassung:
Zunächst habe ich die optische Achse im rechten Winkel auf die untere Hälfte bis knapp zwei Drittel der linken Blattkante ausgerichtet, sodass diese scharf abgebildet wird. Dabei achtete ich darauf, dass die Blattspitze mit von der Schärfe erfasst wird. Anschließend holte ich durch seitliches Verschieben der optischen Achse zusätzlich möglichst viel Blattfläche mit in die Schärfe hinein.

Generelles:
Ziel ist es bei so einem Motiv also, zum einen möglichst viele Bereiche der zu mehreren Richtungen gebogenen Hauptmotivfläche in die Schärfeebene zu bekommen und zum anderen dabei die optisch dominantesten Bereiche (z.B. Kontrastkante, Blattspitze) mit zu erfassen. Das klingt ein bisschen schwierig, so wie die Anforderung "das Runde in das Eckige" zu kriegen :-). Das Hauptmotiv (das gesamte Blatt) ist gebogen, die Schärfeebene ist gerade und dabei sehr schmal.
Nun geht es darum, eine Ebene zu finden, in der die wesentlichen Elemente innerhalb des Hauptmotivs nahezu parallel zur optischen Achse liegen – unabhängig von der Blattachse. Beim Bild oben kommt noch zusätzlich einschränkend die Gegenlichtsituation hinzu. Man muss also darauf achten, dass einerseits die tolle Gegenlichtwirkung erhalten bleibt, andererseits aber die tief stehende Sonne nicht direkt in das Objektiv strahlt. In der Praxis kann das so aussehen, dass man um das Blatt herumläuft wie ein Puma um seine Beute, bis dies richtige Positionierung gefunden ist und damit die höchste Bildwirkung erreicht wird – und das alles in der Tiefe eines Gebüschs :-)!

Das mag jetzt alles ein wenig kompliziert klingen – ist es aber nicht. Man muss vielmehr eine Sichtweise entwickeln, die mit ein bisschen Übung dann rasch zum Ergebnis führt. Das Bild oben vom Roten Hartriegel ist überhaupt nichts Besonderes, das kann man jetzt im Herbst so gut wie an jedem Strauch direkt um die Ecke machen (ich bei mir im Garten) – wenn man weiß, worauf man achten muss. Dann sieht man das Motiv, wirft ruckzuck die Kamera in die richtige Position, lässt das Vögelchen fliegen – und schon ist das Bild im Kasten...

Lieber Gruß,

Roland

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ADMIN

Gerne. Ich hoffe, sie ist hilfreich...

Man kann zur Zeit relativ leicht solche Fotos machen. Sie sind zwar jetzt nicht soooo besonders, aber doch recht nette Motive. Mit der oben beschriebenen Vorgehensweise kann man ziemlich unkompliziert mit der Schärfeebene spielen – und üben! Sie ist bei der Makrofotografie generell und bei der Vintage-Makrofotografie (große, offene Blenden) von entscheidender Bedeutung.

Einziger Haken: Man muss ins Gebüsch hinein.

Aber glaube mir: Hält man sich da erst mal ein paar Stunden lang auf, will man gar nicht mehr raus... .-).

Lieber Gruß,

Roland

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