Vintage-Makrofotografie – Malen mit der Kamera

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Vintage-Makrofotografie – Malen mit der Kamera

So, 29/03/2020 - 11:57
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Mit der modernen Naturfotografie können wir Landschaften, Pflanzen und Tiere so ablichten, wie sie tatsächlich aussehen. Höchste Schärfe und Brillanz heutiger Objektive rücken die Motive ins rechte Licht, sie erscheinen uns zum Greifen nah. Die klassische Makrofotografie geht sogar noch einen Schritt weiter und vergrößert uns in höchster Auflösung Details, wie wir sie mit bloßem Auge nicht in der Lage sind zu sehen. Aber warum faszinieren uns dann Abbildungen, die mehr gemalt als fotografiert wirken? Warum begeistern uns Gemälde der impressionistischen Meister aus der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert, die genau diesen naturalistischen Detailreichtum bewusst nicht zeigen? Die Antwort auf diese Fragen zeigt, warum die Vintage-Makrofotografie so viele Menschen begeistert.

„Was bleibt noch, wenn man alles ausgesprochen hat?" Matsuo Bashō

Mit seiner Frage weist uns der japanische Dichter Matsuo Bashō auf die Bedeutung zwischen den Worten hin, auf die Kraft des Angedeuteten, des Unausgesprochenen. Ist alles ausgesprochen, gibt es nichts mehr zu sagen – und der Zuhörer braucht nicht mehr nachzufragen; ihm ist alles gesagt worden. Matsuo Bashōs Gedanken lassen sich auf die Bildende Kunst, zu der die Malerei und Fotografie gehören, übertragen. Das naturalistisch gemalte Bild reduziert mit seinem Inhalts- und Detailreichtum den Interpretationsspielraum des Betrachters auf ein Minimum. Es bleibt nichts offen, der Naturalismus gibt alles vor. Die gleiche Erkenntnis führte um die Wende zum 20. Jahrhundert einige Maler weg von der naturalistischen in eine abstraktere Malerei. Im Vordergrund stand nicht mehr die Wiedergabe der realistischen Erscheinung des Motivs, sondern das Erfassen seines Wesens. So bleibt Platz für die Empfindung und Fantasie des Betrachters.

Was ist Vintage-Makrofotografie – Eine Definition

Die Vintage-Makrofotografie wird von den gleichen Bestrebungen getragen wie die Arbeiten der Impressionisten. Dabei kombiniert sie Merkmale aus der klassischen Makrofotografie mit denen der Malerei: Das Hauptmotiv wird klar hervorgehoben. Das Umfeld mit seiner Unschärfe jedoch übernimmt einen deutlich größeren Wirkungsanteil am gesamten Bild als bei der klassischen Makrofotografie. Diese Unschärfe, in der Fotografie auch als „Bokeh“ bezeichnet (Jap.: unscharf), hat im Gegensatz zur klassischen Makrofotografie mehr als eine nur dem Hauptmotiv dienende Rolle. Durch die besondere Wiedergabe von Kontrastkanten, Lichtern, Farben und Formen schafft sie Räume im Bild, die der Bildbetrachter mit seiner Fantasie füllen kann, und übertrifft manchmal sogar das Hauptmotiv in seiner Bedeutung. Ein weiterer Aspekt: Die verstärkte Wirkung des Bokehs verleiht manchem Vintage-Makrobild einen Hauch von Dreidimensionalität; viele so entstandene Aufnahmen wirken auffallend plastisch.

Wie werden solche Fotos gemacht?

Der Schlüssel liegt in der Kombination aus alten Objektiven mit neuen, modernen Sensoren. Alte Objektive – wir reden hier in erster Linie von Objektiven aus den 1970er Jahren und davor – weisen eine andere Bauart und ihre Linsen eine andere optische Berechnung auf als die heutigen Objektive. Sie stammen aus einer Zeit, als Computer und Normung bei ihrer Herstellung noch keine Rolle gespielt haben. Somit waren viele Objektive des vergangenen Jahrhunderts bis in die 70er Jahre hinein verschieden; jedes Objektiv gab Farben, Kontraste oder Lichter anders wieder – kombiniert mit aus heutiger Sicht zahlreichen Abbildungsfehlern.

Die Entwicklung blieb natürlich nicht stehen. Ab etwa den 80er Jahren wurden optische Systeme zunehmend mittels Computerprogrammen berechnet. Neu entwickelte Spezialgläser minimierten zusätzlich Abbildungsfehler. Der Schwerpunkt aller Ingenieure lag auf der Optimierung von Schärfe, Brillanz und sanfter Beruhigung der Unschärfen. Die Abbildungseigenschaften der Objektive verschiedener Hersteller näherten sich immer mehr an. Moderne Objektive zeichnen sich nahezu alle durch erfolgreiche Fehlerkorrektur sowie extreme Schärfe und Brillanz aus. Heute kann einem Bild kaum noch angesehen werden, mit welchem 100er Makroobjektiv von welchem Anbieter es fotografiert wurde. Dies ist bei unseren Vintage-Makrofotos ganz anders.

Papierblume bzw. Immortelle (Xeranthemum annuum), fotografiert mit einem viele Jahrzehnte alten US-amerikanischen Spezial-Objektiv zum Abfotografieren von Oszilloskop-Bildschirmen.
 

Unser Ansatz

Wir entwickeln die Idee "alte Objektive an modernen Sensoren" fortlaufend weiter und übertragen sie in ernsthafte, angewandte Naturfotografie. Der von uns geprägte Begriff Vintage-Makrofotografie bringt zusätzlich unsere Konzentration auf den Nahbereich zum Ausdruck. Der fotografische Blick auf die kleinen Schätze unserer Natur gibt den viele Jahrzehnte alten Objektiv-Perlen den nötigen "Raum", in dem sie ihr ganzes Potenzial zum Bildmalen ausspielen können. Aber seht am besten selbst:
 

Leberblümchen (Hepatica nobilis), fotografiert mit dem Aufsatz eines russischen Nachtsichtgeräts.
 

Pelzbiene im Anflug auf Schlüsselblume, "eingefangen" mit einem englischen Filmobjektiv, mit dem vor 90 Jahren Hollywood-Kinofilme aufgenommen wurden.
 

Pfingstnelke (Dianthus gratianopolitanus), fotografiert mit einem 50 Jahre alten japanischen Fotoobjektiv.
 

Kleeblatt bei Sonnenaufgang. Dieses Foto entstand mit einem fast 60 Jahre alten Fotoobjektiv aus deutscher Produktion.
 

Unser Angebot

Neben einer Vintage-Galerie zum Einstellen und Besprechen eigener Vintage-Bilder auf Makrotreff, unserem Einzelcoaching-Angebot sowie jährlich stattfindenden Vintage-Makro-Workshops haben wir bisher zwei Publikationen zur Vintage-Makrofotografie veröffentlicht:
 

Weltpremiere im Makrobereich – das gab´s noch nie!

Diese exklusive Sonderausgabe von MAKROFOTO ist die weltweit erste Publikation, die sich in diesem Umfang mit der Vintage-Makrofotografie befasst – auf 100 werbefreien Seiten! Das ist die bisher umfangreichste MAKROFOTO.

MEHR DAZU

In Ausgabe 7 von MAKROFOTO haben wir die Vintage-Makrofotografie das erste Mal erwähnt und eine Einführung in diese völlig andere, faszinierende Art der Makrofotografie gegeben.

MEHR DAZU


Roland Günter ist Betreiber von Makrotreff und Herausgeber von MAKROFOTO. Der Dipl. Forst-Ingenieur betreibt die Makrofotografie hauptberuflich und verwaltet ein umfangreiches biologisch-wissenschaftliches Bildarchiv.

Der Kern seiner Arbeit liegt in der Dokumentation biologischer Vielfalt. Zu diesem Themenkomplex werden seit vielen Jahren seine Fotos und Reportagen im In- und Ausland in vielen gängigen Zeitschriften und Buchproduktionen publiziert.

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