Hallo Roland,
Ich möchte noch ein paar Zeilen nachträglich zum Foto schreiben, denn ich habe mir darüber etwas Gedanken gemacht.
Bei diesem Foto mit dem Ochsenauge zb. ist es für mich besonders schwer den richtigen Farbton zu finden. Ich kann mich da oftmals ziemlich schlecht entscheiden. Ich habe mit Lightroom schon alle möglichen Veränderungen ausprobiert. Mein Monitor ist auch nicht extra Kalibriert. Ich bin mir nicht sicher ob es bei Makros überhaupt gut ist von der Farbe und der Sättigung her oder anders viel zu verändern bzw zu bearbeiten, oder es lieber natürlicher zu lassen. Ich meine aber natürlicher sieht es bei manchen Motiven ziemlich blass aus. Ich habe es hier jetzt mal trotzdem etwas dezenter eingestellt. Irgendwie hängt das bei mir auch oft von der Stimmung ab was mir gerade besser gefällt. Was meinst du dazu.?
LG Christine
Canon Eos 80D
Mehrfeldmessung
Autofokus 1 Feld aufs Auge
Freihand ohne Blitz in der Abendsonne
Kommentare
ADMIN
Hallo Christine,…
Hallo Christine,
Du sprichst einen wichtigen Punkt an: digitale Entwicklung insbesondere hinsichtlich Farbton und Sättigung.
Erst mal was
Allgemeines
Es gibt in der Fotografie Kriterien, die überwiegend objektiven Charakter haben, hierzu gehört beispielsweise die Schärfe. Andererseits gibt es auch einige, die überwiegend subjektiv wahrgenommen werden. Hierzu gehört, zumindest bis zu einem bestimmten Punkt, die Charakteristik der Farbe.
Sehr viele Fotos, die Du siehst, sind stark farblich verändert. Ich selbst wundere mich oft über die "Historie" so mancher Fotos, die ins Netz gestellt werden, ohne weitere Angaben bezüglich der vorgeschalteten "Wäsche". Manchmal offenbart sich für mich dann im Rahmen einer intensiveren Besprechung, eines Drucks in einem Magazin oder sonst irgendeiner Verwendung ein "digitaler Entwicklungsweg", der dem jeweiligen Bild vorgeschaltet war und nichts mehr von dem übrig gelassen hat, was mal irgendwann am Anfang da war. Es grenzt an Irrsinn, was hier für Änderungen, Verfremdungen oder sogar Fälschungen vorgenommen werden. Ist das o.K.? Oder ist das alles falsch?
Ich denke, erst mal weder - noch. Schauen wir uns die unterschiedlichen Standpunkte an:
Die Pole zweier verschiedener Vorgehensweisen
Freie Kunst
Fotografie gehört zur Kunst. Sie entspricht also einer Art künstlerischen Ausdrucks. Damit ist Fotografie frei, kann eine Stimmung des kreativen Geistes hinter ihr (des Fotografen) ausdrücken und transportieren. Im günstigsten Fall führt dies sogar zu einer eigenen Handschrift des "Erschaffers", zu einem eigenen Stil - das große Ziel eines jeden Künstlers. Dann ist man in der Schule der "hohen Kunst" angekommen.
Vordergründige Dokumentation
Andererseits kann Fotografie aber auch eine reine Dokumentation einer gegebenen Situation sein, eine Reproduktion von Gegebenem. Dann sprechen wir beispielsweise von "reiner Naturfotografie". Sie fängt vorhandene Schönheit ein, gibt interessante Verhaltensweisen von Tieren wieder usw. usf. Hierin liegt ihre Rechtfertigung. Der Fotograf bzw. die Fotografin schaltet zwar die eigene Kreativität keinesfalls aus, schränkt sie aber soweit ein, dass Verfremdungen oder Verfälschungen insbesondere zur Ausdrucksverstärkung weitestgehend vermieden werden.
Dazwischen gibt es alle Übergangsformen.
Nun zu Dir
Wo siedelst Du Dich nun an?
Du hast ein Kleine Wiesenvögelchen (Coenonympha pamphilus) auf einer verblühten Rispe fotografiert. Zu diesem Zeitpunkt herrschten bestimmte Lichtverhältnisse. Dieses vorgegebene Licht wurde vom Falter, der verblühten Knospe sowie vom Hintergrund in bestimmten Farben zurückreflektiert. Dann wanderte es durch Dein Objektiv mit seiner individuellen Farbverarbeitung, landete auf dem Sensor und wurde hier wiederum interpretiert.
Das sind die vorhandenen Gegebenheiten.
Nun kommt der Punkt mit der entscheidenden Frage:
Diese Frage solltest Du beantworten, denn sie führt Dich zu Deinen nächsten Schritten. Willst Du am Ende das Kleine Wiesenvögelchen möglichst nahe an der gegebenen, von Dir wahrgenommenen Realität abgebildet sehen? Dann prüfe das Ergebnis, was auf Deinem Sensor gezeigt wird dahingehend - und führe gegebenenfalls über die Nachbearbeitung Änderungen durch, die Dich näher an diese Realität heranbringen. Dies könnte z.B. klassisch die Entfernung eines objektivseitigen Farbstichs sein.
Oder hast Du eine andere, ganz bestimmte Situation oder, besser gesagt, Vorstellung im Kopf, wie Du das Kleine Wiesenvögelchen festhalten willst? Wenn ja, hast Du einen riesigen digitalen Werkzeugkasten zur Verfügung, um diese Vorstellung umzusetzen - auf der Basis Deines Fotos. Nun sind Deiner Kreativität keine Grenzen gesetzt. Du kannst wild experimentieren: Stimmungen verändern, Hintergründe ändern, Sonnen(untergänge) hinzufügen - oder auch nur die Farben verstärken oder ändern.
Diese vielen Möglichkeiten mit allen Schattierungen und Abstufungen dazwischen hast Du! Zunächst einmal gibt es hier kein richtig und kein falsch. Ich denke, und das ist jetzt meine (!) Meinung, eines ist dabei wichtig:
Denn dann passiert es zumindest nicht so oft, dass irgendwo mehr oder weniger wortlos ein Foto gezeigt wird, das vom Betrachter als Naturfoto angeschaut wird, aber aufgrund von zig Verfremdungen und Verfälschungen überhaupt nichts mehr mit der realen Natur zu tun hat. Das ist dann ein Zustand, der irgendwo zwischen Missverständnis und Veräppelung angesiedelt ist. Und dies sollte man meines Erachtens vermeiden.
Also ganz konkret zu Deiner Frage:
Solltest Du Dich bezüglich des Fotos oben mehr als Naturfotografin sehen, versuche, Dich bei der Nachbearbeitung möglichst nahe an der beim Aufnahmezeitpunkt gegebenen Situation zu orientieren. Hier macht dann auch der kalibrierte Monitor Sinn.
In diesem Fall ist es sogar bestenfalls gut, die eigene Stimmungslage auszublenden. Sei Dir allerdings darüber im Klaren, dass dies nur sehr schwer, oft sogar überhaupt nicht möglich ist, weil die eigene Stimmungslage bereits die Wahrnehmung der scheinbar gegebenen Realität während der Aufnahme beeinflusst.
Siehst Du jedoch Dein Foto des Kleinen Wiesenvögelchens mehr als Kunstwerk, das vordergründig einer bestimmten Vorstellung von Dir entsprechen soll - dann Feuer frei. Es ist alles erlaubt, was Dir gefällt!
Aber: Sei Dir darüber bewusst, was Du tust - und benenne es so. Dann ist alles gut!
In diesem Sinne weiterhin "Gut Licht",
Roland
Hallo Roland,…
Hallo Roland,
Das ist alles sehr interessant was du da schreibst, ich werde mir dazu mal richtig meine Gedanken machen. Du hast das sehr schön erklärt und ich Danke dir sehr für deine Antwort.
Ich dachte es wäre ein Ochsenauge, da ich es mit Fotos die ich im Internet gefunden habe verglichen hatte und darunter diese Bezeichnung Ochsenauge fand. Dann werde ich das falls es funktioniert oben gleich mal ändern, das es für andere richtiggestellt ist.
LG Christine
Hallo zusammen, …
Hallo zusammen,
ich möchte nur kurz darauf hinweisen, das es sich um ein kleines Wiesenvögelchen handelt, denke ich zumindest????
Viele Dank für den Exkurs zur Farbgebung.
Viele Grüße
Michael
ADMIN
Hallo Michael,…
Hallo Michael,
vielen Dank! Natürlich handelt es sich um das Kleine Wiesenvögelchen (Coenonympha pamphilus). Ich war anscheinend völlig gefangen im "Spiel der Farben" ... :-).
Ich werde es oben im Text nachträglich ändern.
Lieber Gruß,
Roland
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