Zimmerpflanzen – Das Spiel mit den Schärfen und Unschärfen

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Zimmerpflanzen – Das Spiel mit den Schärfen und Unschärfen

Fr, 25/01/2019 - 16:17
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Ein dankenswertes und vor allem lohnendes Motiv insbesondere für die kalte Jahreszeit.

Der Winter klotzt zwar nicht mit Farbenprachten, wie wir es vom Frühling her kennen und lieben. Aber auch die kalte Jahreszeit bietet eine Menge Makro-Motive. Wo Farben in den Hintergrund treten, lenken sie auch nicht ab; der Makronist kann sich voll und ganz auf Strukturen konzentrieren. Formen, Säume oder zarte Farbabstufungen fotografisch rauszuarbeiten, ist eine sehr reizvolle makrofotografische Aufgabe und schult in hohem Maße den Umgang mit Objektiven. Das Motiv studieren und analysieren, eine Motividee entwickeln, eine geeignete Optik wählen und geschickt einsetzen – all das sind Disziplinen, die hervorragend an reduzierten Motiven gelernt werden können.

Dafür braucht man noch nicht einmal nach draußen in die Kälte zu gehen. Ich vermute mal, dass die meisten Makronisten Zimmerpflanzen haben. Viele insbesondere schlicht aussehende Pflanzen eignen sich hervorragend für makrofotografische Experimente. Wir schauen uns das am Beispiel einer Sukkulente an – ein in der Tat schlichtes Gewächs, wenn es nicht blüht :-).
 

Olympus E-M1 Mark II; Tomioka Cosinon 1.2/55mm + Zwischenring 10mm; 1/250s; Blende 1.2; ISO 200; Naturlicht
 

Für das Spiel mit den Schärfen und Unschärfen eignen sich insbesondere sogenannte "schnelle" Objektive – schnell, weil sie infolge hoher Lichtstärke kurze Verschlusszeiten ermöglichen. Blende 2.8 und größer sind perfekt in der Lage, mittels eines exakt platzierten Schärfepunkts den Betrachterblick punktgenau zu lenken.

Im Bild oben habe ich den Licht-Riesen Tomioka Cosinon 1.2/55mm eingesetzt, ein Kultobjektiv aus den frühen 70er Jahren. Es verfügt nicht nur über eine extrem große Blende, sondern ist auch ein individueller Bokeh-Maler. Ich mag es sehr gerne.

Bei den beiden folgenden Bildern habe ich das Vintage-Objektiv Steinheil Quinon 1.9/55mm aus den 60ern eingesetzt. Selbst am Zwischenring leistet dieser optisch hochwertige Objektiv-Senior hervorragende Bildergebnisse – mit einem wunderbar träumerischen Bokeh.
 

Olympus E-M1 Mark II; Steinheil Quinon 1.9/55mm + Zwischenring 10mm; 1/200s; Blende 1.9; ISO 200; Naturlicht

Das Betrachterauge wird wird rasch auf die scharfe Blattspitze in der linken Bildmitte gelenkt, die sich zusätzlich durch das Licht und die Farbe von der Umgebung abhebt. Rechts neben dem Hauptmotiv zeichnet das Steinheil die benachbarten Blattspitzen im Bokeh.
 

Olympus E-M1 Mark II; Steinheil Quinon 1.9/55mm + Zwischenring 10mm; 1/250s; Blende 1.9; ISO 200; Naturlicht

Bei diesem Foto habe ich die schmale Schärfeebene nicht nur auf die Spitze des linken Sukkulentenblattes gelegt, sondern zusätzlich auch auf die Kante des Blattes rechts unten. Damit ergibt sich eine Schärfeachse von der Bildmitte bis rechts unten.
 

Nun folgt eine Hochformat-Variante, die mit einem sehr interessanten, lichtstarken russischen Objektiv erstellt wurde, dem Jupiter-3 1.5/5cm. Charakteristisch für dieses Objektiv aus dem Jahr 1962 ist das cremig-weiche Bokeh, das insbesondere bei Licht-Schattenspielen zur Hochform aufläuft. Ein Bildeindruck wie aus einer anderen Welt...
 


Olympus E-M1 Mark II; Jupiter-3 1.5/5cm + Zwischenring 10mm; 1/640s; Blende 1.5; ISO 200; Naturlicht mit Sonneneinstrahlung
 

Und wem das alles zu grün ist, der lässt sich von einem netten Menschen eine rote, gelbe oder apricotfarbene Rose schenken – nein, beschenkt sich besser selbst …-} – und macht mit ihr ähnliche makrofotografische Spielereien, wie auf den folgenden Fotos zu sehen sind.

Dann gibt´s auch mitten im Winter ein Farben-Feuerwerk!
 

Olympus E-5; Olympus Zuiko Macro 2.0/50mm; 1/125s; Blende 5.6; ISO 125; Naturlicht

Dieser Ausschnitt einer Rosenblüte zeigt noch relativ viele Strukturen, die Blütenblätter der Rose sind deutlich erkennbar – Folge der größeren Tiefenschärfe der Blende 5.6 des modernen Olympus Zuiko 2.0/50er Macro-Objektivs.


Olympus E-M1 Mark II; Olympus Zuiko Macro 2.0/50mm; 1/400s; Blende 2.0; ISO 200; Naturlicht

Blüte einer Edelrose aus einem Blumenstrauß in einer Vase – Bei Blende 2.0 bestimmen verstärkt Farben und Formen die Bildwirkung.
 

Olympus E-M1 Mark II; Olympus OM Zuiko Macro 2.0/90mm; 1/320s; Blende 2.0; ISO 200; Naturlicht

Noch weniger Tiefenschärfe: Mit der längeren Brennweite von 90mm ist die Schärfeebene des gut 35 Jahre alten, analogen Olympus OM Zuiko Macro 2.0/90mm bei Offenblende noch etwas schmale als beim 50er Macro. Das Malen mit der Kamera wird noch abstrakter. Alles reduziert sich auf Form und Farbe.
 

Olympus E-M1 Mark II; Olympus OM Zuiko Macro 2.0/90mm; 1/250s; Blende 2.0; ISO 200; Naturlicht
 

Diese Art der Fotografie macht viel Spaß. Während es draußen kalt und vielleicht nass ist, sitzt der Makronist beziehungsweise die Makronistin in gemütlicher Arbeitsposition und mit einer Tasse leckerem Tee am Tisch im Warmen vor einer Zimmerpflanze und studiert und fotografiert deren Makrostrukturen.

Und wenn dann im Frühling die Natur wieder erwacht, hat man sich schon ein wenig warm fotografiert :-).

In diesem Sinne "Gut Licht",

Roland
 

Roland Günter ist Betreiber von Makrotreff und Herausgeber von MAKROFOTO. Der Dipl. Forst-Ingenieur betreibt die Makrofotografie hauptberuflich und verwaltet ein umfangreiches biologisch-wissenschaftliches Bildarchiv.

Der Kern seiner Arbeit liegt in der Dokumentation biologischer Vielfalt. Zu diesem Themenkomplex werden seit vielen Jahren seine Fotos und Reportagen im In- und Ausland in vielen gängigen Zeitschriften und Buchproduktionen publiziert.

Kommentare

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Hallo Roland!

Was für schöne Bilder zeigst du uns hier wieder. Zum Dahinschmelzen!!!!

Das sind super Bildideen- vom Feinsten! Du weißt uns sehr gut durch den Winter zu bringen.;-)

Dankeschön

sagt dir

Gabi

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ADMIN

Hallo Gabi,

nun ja, da ich ja mittlerweile weiß, dass Du ein wenig unter Farbenmangel leidest (wir hatten das Thema hier vor wenigen Wochen schonmal :-)), bist Du ein klein wenig an dieser Bildidee beteiligt. Denn mir liegt es schon sehr am Herzen, dass zur Makroklatsche und zum Vintage-Virus nicht auch noch eine maßgeschneiderte Farblosigkeits-Depression hinzu kommt (*grins*).

Also, gehen wir gemeinsam gegen den Triste-Rappel vor!

Lieber Gruß,

Roland

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Hallo Roland,

die Ablenkung ist dir bisher erfolgreich gelungen!!!

Habe den Eindruck, hier freuen sich immer alle über solche Art von Neuigkeiten und Ideen von dir und alle machen dann wieder mit. Super! Raus aus der Depression, rein ins Gewächshaus oder zur Fensterbank. :-)  Wieder einmal eine spannende Angelegenheit. Wir werden unser Bestes geben. grins

Da sag ich mal Dankeschön und

grüße aus dem heute grauen Nordhessen!

Gabi

 

 

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ADMIN

Hallo Sigi,

nein, nicht ins Freie. Ich setzte sie irgendwo im Raum hin, wo das Licht interessant ist. Meist ist das nicht direkt auf der Fensterbank, da es dort auch mal recht stark von der Seite kommen kann. Dennoch habe ich auch das schon gemacht.
Meist wähle ich einen Platz so etwa 1,5 bis 3 Meter vom Fenster entfernt – ne nachdem, welches Licht wie kommt. Hierbei ist es wichtig, das vorhandenen Licht einzuschätzen, Unterschiede zu erkennen und dann fotografisch umzusetzen. Genau das sind die Dinge, die man mit dieser Art der Makrofotografie wunderbar spielerisch lernen kann – ohne krummen Rücken, kalte Hände, verrenkten Halswirbel – doch, der kann auch dabei verrenken bis rausfliegen :-). 

Lieber Gruß,

Roland

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