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Die Sprache der Bäume

Hallo Sigi,

die "Sprache" der Bäume ist sehr interessant. Versteht man sie, erhält man sehr viele Informationen von den Bäumen selbst.
Natürlich ging es Bäumen insbesondere individuell schon immer mal schlecht, was sie dann auch gezeigt haben. Trockenheit gehörte schon immer dazu, war aber in der Regel räumlich oder zeitlich begrenzt. Jetzt kommen aber einige Faktoren zusammen, die lebende Systeme schon arg in die Knie zwingen; neben Trockenheit und Hitze schwächen starke Einstrahlung (UV-Anteil im Licht), toxische Stoffe insbesondere aus der Landwirtschaft (die mit Bodenwasser oder Luft transportiert werden) und allgemeine Luftverschmutzungen die Pflanzen aber zusätzlich. Nun kommt alles zusammen. Es ist nicht anders als bei uns Menschen: Ein beispielsweise als Folge schlechter Ernährung geschwächter Mensch ist empfänglicher für starke Temperaturausschläge, umhergeisternde Bakterien oder sonst was. Systeme halten eine Menge aus, können sich in der Regel über sogenannte Rückkopplungsschleifen selbst erfolgreich organisieren (und damit auch schützen) – bis zu einem bestimmten Belastungspunkt. Dann ist der Ofen aus.

Ein Beispiel

Nehmen wir ein Beispiel wieder aus dem "System" Baum: Ein Baum wirft, wenn die zweite Sommerhälfte überdurchschnittlich trocken ist, vorzeitig seine Blätter ab. Dies ist eine Rückkopplungsreaktion auf die Trockenheit: Ich erhalte kein Wasser mehr von außen, also verdunste ich auch keines mehr über meine Blätter! Der Baum zieht im Prinzip den Herbst vor, klappt die Fensterläden zu und macht schon mal einen auf Winter. Im kommenden Frühjahr ist wieder genügend Wasser da, der Baum treibt aus – alles gut! Er hat sich über die Rückkopplung (wenig Wasser da, also eigene Verdunstung einschränken bis beenden) im Herbst rechtzeitig vor weiteren Schäden geschützt. So reagiert das System "Baum" auf Belastungen.

Wenn Bäume in die Knie gehen

Nun hat das Ganze natürlich seine Grenzen. Die sind beispielsweise erreicht, wenn zusätzlich zum Ende des Sommers der Baum bereits über viele Wochen hinweg eine Hammer-Strahlung verkraften musste, eine Mega-Hitze (gegebenenfalls mit direkten Verbrennungsschäden) ertrug und in seinem Körper eine Menge von Giftstoffen organisieren muss. Nun kommt dieser Baum ebenfalls am Ende eines trockenen Sommers an den Punkt der (positiven) Rückkopplung, die ihn dazu befähigt, infolge Wassermangels seine Blätter vorzeitig abzuwerfen. Jetzt aber kommt die Gesamtschwächung zum tragen: Das System (Baum) weiß, es ist insgesamt so stark geschwächt, dass die alleinige Regulation des Engpasses "Trockenheit" über den Blattabwurf nicht mehr zu kompensieren ist. Der Baum weiß, er hat insgesamt zu viel abbekommen. Die Gefahr, dass die normalerweise regulierende Rückkopplung nicht mehr ausreicht, ist sehr groß – und damit die Gefahr, dass er stirbt. Dann hilft nur noch Plan B: eine Notblüte anzusetzen. Genau das ist zur Zeit verstärkt zu beobachten.

Und dieses "verstärkt" ist der entscheidende Punkt. Aufgrund regional oder zeitlich eingegrenzter Ereignisse wurde das oben Beschriebene schon immer beobachtet – ist ja auch klar, ist ja schließlich eine "normale" Reaktion des Systems "Baum".

[Anmerkung: Hier nenne ich wiederholt das Lebewesen Baum absichtlich etwas abstrakt System, um die regulierenden Funktionsweisen dieser Systeme zu verdeutlichen. Das Gleiche trifft nämlich auf alle Systeme zu, so beispielsweise auch auf komplette Ökosysteme – hier kann man zur Zeit ähnliche Reaktionen beobachten (wenn man sie zu lesen weiß)!]

Nun muss man zwingend interpretieren, warum, wann, wo, wie und wieviele Bäume diese Reaktionen zeigen. Dann wird man schnell feststellen, dass die Charakteristik der zur Zeit zu beobachtenden Pflanzenreaktionen überhaupt nichts gemein hat mit dem, was es schon immer gab. Hierzu muss man allerdings ein wenig Ahnung haben und die "Sprache" der Bäume verstehen – oder allgemein ausgedrückt: die Natur lesen können.

Es ist wunderbar, dass Du das während Deiner Tätigkeit in der Forstwirtschaft gelernt hast.

Lieber Gruß,

Roland

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