Eine Mords-Begegnung...
...und was sie über unsere Biodiversität verrät
Den gestrigen Tag verbrachte ich mit einem der eindrucksvollsten Raubinsekten unserer Breiten: der Roten Mordwanze (Rhynocoris iracundus). Mit knapp zwei Zentimetern Größe und ihrer rot-schwarzen Färbung ist sie eine ziemlich beeindruckende Erscheinung!
Aktuell kaum Insekten unterwegs
Ich traf die Wanze in einem trocken-warmen Hang – neben nur sehr wenigen weiteren Raubinsekten. Überhaupt sind in Regionen, die unter der großen Trockenheit leiden (wie der Würzburger Raum), aktuell nur sehr wenige Insekten-Individuen unterwegs. Woran liegt das?
Die letzten Niederschläge fielen vor Wochen – und auch damals zu schwach, um bestehende Defizite auszugleichen. Die Folge: Viele Blütenpflanzen wachsen nur verkümmert oder sind vertrocknet.
Zu einer Jahreszeit, die sich normalerweise durch hohen sichtbaren Insektenreichtum auszeichnet, ist dies besonders auffällig. Denn jetzt – in der zweiten Sommerhälfte – haben die meisten Insekten ihre reife Form (Imago) erreicht. Doch sie treffen auf ausgetrocknete Lebensräume – mit kaum noch Nektar, Pollen oder frischer Grünmasse.
Kettenreaktion
Viele Insekten können ihre Brut nicht mehr mit Nahrung versorgen oder verhungern selbst. Etwas besser kommen manche Heuschreckenarten zurecht, die auch vertrocknetes Pflanzenmaterial fressen können (z. B. Ödlandschrecken) – ich berichtete darüber in der MAKROFOTO-Ausgabe 7.
Doch: Weniger pflanzenfressende Insekten bedeutet auch weniger Nahrung für Raubinsekten – wie die Rote Mordwanze. Ich fand nur ein einziges Exemplar an einem abblühenden Feld-Mannstreu (Eryngium campestre) – die letzte Nahrungsquelle weit und breit. Die Mordwanze lauerte dort den wenigen verbliebenen Insekten auf.
Ein Jagd-Spektakel
Sobald ein Beutetier auftaucht, stellt sich die lauernde Mordwanze mit ihrem Vorderkörper auf und hebt dabei das vordere Beinpaar weit nach oben. Langsam pirscht sie sich an – in meinem Fall an eine fette Fliege. Dann schlägt sie mit ihren fangbereiten Vorderbeinen blitzschnell zu und injiziert der überraschten Beute mit ihrem mächtigen Rüssel ein schnell wirkendes Gift. Beeindruckend: Mordwanzen überwältigen Beutetiere, die größer sind als sie selbst; sie sind tatsächlich ordentliche "Mord-Geräte" 😅 !
Den Moment der aufgerichteten Angriffsstellung konnte ich mit einem freihändigen Focus-Stack aus 48 Einzelaufnahmen festhalten – ein Glücksfall, denn jede Bewegung hätte die Bildreihe unbrauchbar gemacht. Doch es hat geklappt!
Übrigens: Rote Mordwanzen sehen nicht nur gefährlich aus – sie können auch schmerzhaft zustechen. Ich wurde vor ein paar Jahren am Arm gestochen – und jodelte wie ein alpenländischer Volksmusiker 🤣.
Diese Begegnung zeigt eindrücklich, wie stark die Biodiversität unter der aktuellen Trockenheit leidet – und welche ökologischen Kettenreaktionen dies auslösen kann.
Roland Günter ist Betreiber von Makrotreff und Chefredakteur von MAKROFOTO. Der Dipl. Forst-Ingenieur betreibt die Makrofotografie hauptberuflich und verwaltet ein umfangreiches biologisch-wissenschaftliches Bildarchiv.
Der Kern seiner Arbeit liegt in der Dokumentation biologischer Vielfalt. Zu diesem Themenkomplex werden seit vielen Jahren seine Fotos und Reportagen im In- und Ausland in vielen gängigen Zeitschriften und Buchproduktionen publiziert.
Einen weiteren Schwerpunkt seiner Tätigkeit bildet die von ihm auf professionelles Niveau gehobene künstlerisch-kreative Vintage-Makrofotografie – also die Fotografie mit alten Objektiven an modernen Sensoren. Unter anderem hat er den einzigartigen Multivisions-Vortrag Fotografie mit Flair – Malen mit der Kamera konzipiert und neben anderen Events bei den Internationalen Fürstenfelder Naturfototagen vor großem Publikum gehalten.
Kommentare
Hallo Roland, ich kann Deine…
Hallo Roland, ich kann Deine Beobachtung zur geringen Anzahl an Insekten leider nur bestätigen: ich war in den letzten Tagen häufig hier im Münsterland unterwegs, an zwei Stellen, an denen ich sonst zahlreich fündig wurde, hatte aber ebenfalls Mühe, Insekten zum fotografieren zu finden.
Zu Deinem Bild und Bericht: vielen Dank für die Beschreibung dieses beeindruckenden Raubinsekts und das passende Bild mit der drohenden Haltung der Mordwanze. Einen schönen Rahmen mit den beiden trockenen Grashalmen rechts und links der Wanze gab es noch dazu und lenkt den Blick direkt auf das Insekt.
Gruß Leon
ADMIN
Hallo Leon,das großflächige…
Hallo Leon,
das großflächige Vertrocknen der Pflanzen wird von vielen Menschen unterschätzt. Da Pflanzen die Basis für eine große Vielfalt von Tieren ist, hat das alles natürlich massive Folgen für die Biodiversität.
Es wird zwar in den kommenden Tagen in vielen Bereichen Deutschlands regnen, doch die Folgen der Dürre der vergangenen Wochen und Monate sind nicht mehr auszugleichen. Das wird nur gelingen, wenn die Ursachen für die Dürren geändert würden. Wir wissen, was wir machen müssten, wir müssen es nur noch tun...
Liebe Grüße
Roland
MOD
Hallo Roland,bei mir sieht…
Hallo Roland,
bei mir sieht es ebenso dünn aus mit Insekten. Während sonst gerade an den Sommerblumen viel los ist, die Libellen fliegen und es krabbelt, summt und brummt herrscht dieses Jahr Ruhe. Es ist beängstigend und macht mir große Sorgen. Außer Honigbienen und Wespen fliegt kaum etwas herum. Und dann werden städtische Wiesen und die Wegränder, auf denen noch etwas Blühendes und Insekten zu finden sind, ohne nachzudenken gnadenlos niedergemäht.So gestern gesehen. Zerstückelte Reste von Schmetterlingsflügeln und Faltern sind nicht nur vereinzelt sichtbar. Da macht sich echt Resignation breit.:-( Danke also an Dich für Deine Erklärung zur momentanen Lage.
Dein Stack ist übrigens wieder super geworden. Da hattest Du wirklich Glück, dass sie so lange still gesessen hat. :-)
Liebe Grüße
Gabi
ADMIN
Hallo Gabi,dein Frust ist…
Hallo Gabi,
dein Frust ist nachvollziehbar. Siehst du eine Chance darin, diejenigen, die für dieses Vorgehen veranwortlich sind, mal anzusprechen? Ich habe auf diese Weise schon Bauklötze gestaunt :-). Da gibt es manche Wegränder und Wiesen, die nach einer solchen Kontaktaufnahme nun anders behandelt werden...
Liebe Grüße
Roland
MOD
Hallo Roland,ich werde es…
Hallo Roland,
ich werde es probieren. Mal schauen, ob da irgend etwas geht. Oft bekommt man hier nur eine blöde Rückantwort. Manchmal tut sich aber trotzdem etwas.Deshalb, ich bleibe dran.:-).
Liebe Grüße
Gabi
Hallo Roland,auch hier in…
Hallo Roland,
auch hier in der Hocheifel ist es erschreckend im Hinblick auf die vorherrschende Trockenheit und dem daraus resultierenden Pflanzen und Insektensterben. Wo man hinsieht trockene Wiesen und Bäume die im August ausschauen, als hätten wir bereits Mitte Oktober. Auch die Beschreibung von Gabi kann ich bestätigen. Die gut trockenresistent heimischen Wildblumen die an den Straßenrändern eigentlich den Insekten vielleicht noch das Überleben sichern würden, werden gnadenlos abgemäht. Auch dort muss ein Umdenken im großen Stil statt finden.!
Ein anderes persönliches Beispiel verdeutlicht auch diesen dramatischen Trend. Ich fahre seit 30 Jahren Rennrad. In den Anfangsjahren wurde man regelrecht von Insekten bombardiert. Ein fahren ohne Brille war in den Sommermonaten undenkbar. Und heute, so gut wie keine Fluginsekten weit und breit.
Aber es scheint ein Wespenjahr zu sein. Sie gibt es in großer Anzahl.
In den nächsten Jahren und Jahrzehnten müssen wir uns sicherlich auf eine andere vielleicht mediterranere Flora und Fauna einstellen.
Viele Grüße Markus
PS. Einen interessanten Jäger hast Du uns in Deinem Bericht vorgestellt. Danke dafür.
ADMIN
Hallo Matthias,in der…
Hallo Markus,
in der Hocheifel hat die Trockenheit auch fatale Folgen. Sehr deutlich zeigt sich das im Hohen Venn. Das Hochmoor, das seit Jahrtausenden ausschließlich von den bisher sehr hohen Niederschlägen gespeist wurde, trocknet zunehmend aus – mit der Folge, dass einer der seltensten Lebensräume Mitteleuropas zunehmend in seiner Existenz bedroht ist (mal ganz abgesehen mit der damit verbundenen immensen Freisetzung von CO2).
Liebe Grüße
Roland
Hallo Roland,da sagst du was…
Hallo Roland,
da sagst du was. Ich erinnere nur an die Vennbrände 2023.
Das Hohe Venn ist zwar noch ca. 60km von mir entfernt, bin aber auch schon lange nicht mehr dort gewesen.
Der Massentourismus mit teilweise gesperrten Regionen ist nicht schön anzuschauen. Zwar gibt es noch echt geheime Geheimtipps, auch auf deutscher Seite, aber diese selten gewordenen Natur- und Lebensräume sollten wir lieber in Ruhe lassen.
Aufklären ja, aber kaum aufsuchen! Auch wenn's verlockend ist.
Viele Grüße Markus
Hallo Roland,ich hasse es,…
Hallo Roland,
ich hasse es, auf dem Mobile rumzutippen, deshalb in aller Kürze:
Wir sind gerade den Alpe-Adria-Radweg geradelt und treiben uns jetzt im Salzburger Raum herum. Die Erwartung: In Süddeutschland und weiter südlich gibt es mehr Insekten als bei uns im hohen Norden. Fehlanzeige!
Dafür im gesamten Alpenraum invasive Neophyten wie das Drüsige Springkraut oder die Kanadische Goldrute. Massenhaft!
Mehrfach haben wir festgestellt: In unserem „künstlichen“ Naturgarten scheint die Biodiversität höher zu sein (bezogen auf die tagaktiven Fluginsekten) . Absolut erschütternd.
Danke für den tollen Stack und die biologischen Hintergrundinformation, Das sind die Beiträge, die ICH am meisten schätze bei Makrotreff.
Liebe.Grüße
Ingo
ADMIN
Hallo Ingo,was du erlebst,…
Hallo Ingo,
was du erlebst, ist wohl leider wahr. Du beschreibst die sichtbaren Folgen des Zusammenbrechens unserer Ökosysteme. Man kann natürlich nicht immer sofort, sobald es einem Einzeltier oder einer Tierart "schlecht" geht, von "Aussterben" und "Ökosystem-Zusammenbruch" sprechen. Aber das, was hier passiert, ist etwas ganz anderes.
Diese negative Entwicklung baut sich seit vielen Jahren auf. Seit vielen Jahren beobachte ich etwas, das – undabhängig von meiner Beobachtung – faktisch logisch ist. Die Haupttreiber der Biodiversitätszerstörung gehen mit den Lebensräumen in einer Form um, bei der die biologische Vielfalt so stark gestört wird, dass die Ökosysteme zusammenbrechen MÜSSEN, oder anders ausgedrückt: bei der die gesamte Biospäre in die Knie geht. Das ist Logik!
Leider werden naturnahe Gärten dies alles nicht auffangen können. Es wird eine vorrübergehende Erscheinung sein, dass viele Tiere in die Gärten flüchten bzw. gedrängt werden. Aber Gärten sind klein, zu klein. Und vor allem sind Gärten so gut wie nie stabile, sich selbst regulierende Ökosysteme. In vielen naturnahen Gärten sind die Arten- und Individuenzahlen ebenfalls stark rückläufig. Auch das ist logisch.
Ich wünsche dir und Birgit trotzdem noch ein paar schöne Tage auf dem Drahtesel :-).
Liebe Grüße
Roland
Neuen Kommentar hinzufügen
- Neuen Kommentar hinzufügen
- 346 Aufrufe