Olympus OM 1.2/55mm – ein Schmuckstück für die Vintage-Makrofotografie

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Olympus OM 1.2/55mm – ein Schmuckstück für die Vintage-Makrofotografie

Mi., 31/01/2024 - 16:11
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Vor einigen Jahren für Fotografie an modernen Sensoren noch weitgehend unbekannt, tauchen hier bei Makrotreff immer häufiger Fotos auf, die mit diesem Objektiv "gemalt" wurden.
 

Beim Olympus 1.2/55mm handelt es sich um ein manuelles Objektiv aus den 1970er Jahren. Seine hohe Lichtstärke in Verbindung mit der hervorragenden Verarbeitungsqualität und Abbildungsleistung machten es bereits damals bei professionellen Fotografen sehr beliebt.

Pfingstnelke (Dianthus gratianopolitanus) – fotografiert in der Spät-Dämmerung!

Olympus OM-D E-M1 Mark II; Olympus OM 1.2/55mm; f/1.2; 1/100s; ISO 250
 

Diese äußerst hohe Attraktivität hat es bis heute beibehalten. Kein Wunder: Denn vor moderne Sensoren geschraubt, ist es eine regelrechte Kreativ-Maschine. Grund genug, um diesen tollen Objektiv-Senioren hier einmal genauer vorzustellen.
 

Olympus OM 1.2/55mm
 

Die Optik und seine Maleigenschaften

Wie alle 1.2er Objektive bildet das Olympus bei Offenblende mit einer sehr geringen Schärfentiefe ab. Die Unschärfen – und damit die Bereiche, in denen "gemalt" wird – nehmen somit bereits unmittelbar hinter dem Schärfepunkt sehr schnell zu. Wo lichtschwächere Objektiv-Kollegen "nur" leichte, unauffällige Unschärfen zeigen, schwingt das Olympus bereits einen kräftigen Malpinsel :-).

Markant für das Olympus 1.2/55mm sind die sanften, aber dennoch deutlich ausgeprägten Betonungen von Kontrastkanten ("Rendering") in den Hintergrundunschärfen. Sie haben einen hohen Anteil am malerischen Charakter seines Bokehs.
Bereits bei neutralem, homogenen Licht zaubert dieses Objektiv impressionistisch anmutende Strukturen ins Bild.
 

Gewöhnliche Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris)

Olympus OM-D E-M1 Mark II; Olympus OM 1.2/55mm; f/1.2; 1/1000s; ISO 200
 

Haselkätzchen (Corylus avellana)

Olympus OM-D E-M1 Mark II; Olympus OM 1.2/55mm; f/1.2; 1/800s; ISO 200
 

Zaubernuss (Hamamelis ssp.) im Herbst

Olympus OM-D E-M1 Mark II; Olympus OM 1.2/55mm; f/1.2; 1/500s; ISO 200
 

Trifft direktes Sonnenlicht in die Unschärfen des Hintergrunds, vermischen sich Licht und Konturen zu phantastischen Formen und Farben. Das Bokeh scheint zu explodieren, und das Foto erhält eine enorme Bildtiefe.
 

Weidenblätter (Salix ssp.) im Herbst

Olympus OM-D E-M1 Mark II; Olympus OM 1.2/55mm; f/1.2; 1/3200s; ISO 400
 

Schlehe (Prunus spinosa)

Olympus OM-D E-M1 Mark II; Olympus OM 1.2/55mm; f/1.2; 1/1600s; ISO 200
 

Handhabung

Die meisten heutigen Fotografen sind Autofokus gewöhnt und haben großen Respekt vor dem Einstellen des kleinen Schärfepunkts der Blende 1.2, der ja beim Olympus 1.2/55er manuell gefunden werden muss.  
Hier kann ich beruhigen. Bei meinen Vintage-Makro-Workshops erlebe ich nach einer kurzen Einführung und Demonstration von einfachen freihändigen Einstelltechniken immer wieder, wie schnell sich hochmotivierte Vintage-Makronisten an diesen kleinen Schritt in das manuelle Scharfstellen des letzten Jahrhunderts erfolgreich gewöhnen 😊.
 

Strand-Hafer (Ammophila ssp.)

Olympus OM-D E-M1 Mark II; Olympus OM 1.2/55mm; f/1.2; 1/6400s; ISO 200
 

Einsatzbereich und Adaption

Als ehemaliges analoges Kleinbild-Spiegelreflexobjektiv ist das Olympus 1.2/55er Vollformat-tauglich; es deckt einen Vollformatsensor vignettierungsfrei ab. Natürlich kann es auch hervorragend an APSC- oder MFT-Sensoren eingesetzt werden.

Das Objektiv verfügt über den Olympus OM-Bajonettanschluss. Wegen dieses Anschlusses benötigen Entwicklungsingenieure jedoch für die Herstellung eines Adapters Platz, was bedeutet: Die Adapter haben eine gewisse Mindestbreite. Somit ist es nicht möglich, einen Adapter für "dicke" digitale Spiegelreflexkameras herzustellen; der Abstand zwischen Sensor und Objektivanschluss (= Auflagemaß) würde zu groß. 
Jedoch gibt es gute Adapter für fast alle gängigen, deutlich schmaleren spiegellosen Systemkameras. Besonders praktisch sind hier Adapter, die mittels Gewinde durch Herausdrehen verlängert werden können; sie dienen gleichzeitig als Zwischenring und ermöglichen ohne zusätzliches Zubehör das Fotografieren im Nahbereich.
 

Elfen-Krokus (Crocus tommasinianus)

Olympus OM-D E-M1 Mark II; Olympus OM 1.2/55mm; f/1.2; 1/1600s; ISO 200
 

Achtung!

Es gibt ein sehr ähnliches Objektiv aus dem Hause Olympus, das jedoch über fünf Millimeter weniger Brennweite verfügt: das Olympus OM 1.2/50mm. Dieses Objektiv ist etwas jünger und dadurch etwas besser korrigiert als das 55er. Die Folge ist ein schwächer ausgebildetes Rendering.
Auch beim 1.2/50ger handelt es sich zwar um ein sehr hochwertiges Objektiv. Das Malpotenzial des 55er ist jedoch aus Sicht der heutigen Vintage-Makrofotografie höher.
(Zur Erinnerung: Wir malen mit den "Fehlern" der früheren Objektive.)
 

Berg-Waldrebe (Clematis montana)

Sony A7 II; Olympus OM 1.2/55mm; f/1.2; 1/3200s; ISO 50
 

Warum ein "gutes" Olympus 1.2/55er so wertvoll ist...

Seit einigen Jahren ändert sich der Markt für das Olympus 1.2/55mm. Natürlich spricht sich die tolle Abbildungscharakteristik dieses Schmuckstücks herum, wodurch die Nachfrage gestiegen ist. Die Folge: Es wird immer teurer – vor allem "gute" Exemplare!

Hinzu kommt, dass der Zustand derjenigen Objektive, die auf dem Gebrauchtmarkt auftauchen, zunehmend schlechter wird. Die bei vielen alten Objektiven vorliegende starke Serienstreuung bezüglich ihrer Abbildungsqualität ist bei dem 1.2/55er zwar von untergeordneter Bedeutung; die Produktion bei Olympus befand sich bereits damals auf einem sehr hohen Niveau. Aber immer mehr angebotene Exemplare weisen vor allem Nebel/Belag oder Glaspilz auf den innenliegenden Glasflächen auf – für ungeübte Augen häufig nicht oder nur schwer erkennbar.
Nicht zuletzt infolge der großen Glasdurchmesser wirkt sich Nebel oder Belag bereits bei geringer, kaum sichtbarer Stärke sehr nachteilig aus und führt schnell zu trüben, kontrastschwachen Fotos.
Glaspilz ist ebenso nicht akzeptabel. Er hat meist Einfluss auf das Bildergebnis, vergrößert sich und kann unter bestimmten Umständen auf andere Objektive überwandern.

Leider ist der Ausbau und die Reinigung der Gläser aufgrund des sehr komplizierten Aufbaus dieses Objektivs enorm aufwändig und teuer. Deshalb rate ich vom Kauf nicht völlig einwandfreier Objektive ab; ich habe bei meiner Arbeit zu viele zunächst begeisterte Vintage-Makronisten kennengelernt, die nach dem Erwerb solcher "schlechten" Exemplare völlig frustriert waren.

Die Stückzahl dieser Objektive ist – wie bei allen Vintage-Objektiven – "endlich", sie werden ja nicht mehr gebaut. Und daher gilt für viele Fotografen beim Olympus 1.2/55er der Grundsatz:

Hält man einmal ein gutes Exemplar in der Hand, gibt man es nicht mehr her.

All diese Faktoren führen dazu, dass "gute" Exemplare immer seltener angeboten werden. Für die Teilnehmer meiner Vintage-Makro-Workshops besorge ich jedes Jahr eine größere Stückzahl dieser tollen Olympus 1.2/55mm-Objektive. Meine Rückgabequote beim Kauf der Objektive steigt seit einiger Zeit stark an; mittlerweile gehen von drei erworbenen Objektiven zwei zurück an den Verkäufer – ein Verhältnis, das vor zwei Jahren noch deutlich besser und damit weniger nervenaufreibend war 😒.
 

Berg-Scheinaster (Vernonia arkansana)

Olympus OM-D E-M1 Mark II; Olympus OM 1.2/55mm; f/1.2; 1/1250s; ISO 200
 

FAZIT

Das Olympus 1.2/55er ist ein traumhafter Objektiv-Oldi für traumhafte Vintage-Makrobilder. Es zeigt bei spiegellosen Systemkameras sein Kreativpotential bei nahezu allen Lichtverhältnissen sowohl beim Voll- als auch beim APSC- und MFT-Format
Leider nehmen die Exemplare mit Mängeln, die das Bildergebnis einschränken, immer mehr zu. Deshalb gilt hier das Motto:
Makroauge sei wachsam beim Kauf dieser Vintage-Objektivperle!

Und solltest Du bereits Besitzer eines dieser Objektiv-Schätzchen sein, kann ich nur noch wünschen:

Viel Spaß beim kreativen Malen mit der Kamera!
 

Auch interessant:

- unsere Sonderausgabe MAKROFOTO-Spezial – Vintage-Makrofotografie, Malen mit der Kamera

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Roland Günter ist Betreiber von Makrotreff und Chefredakteur von MAKROFOTO. Der Dipl. Forst-Ingenieur betreibt die Makrofotografie hauptberuflich und verwaltet ein umfangreiches biologisch-wissenschaftliches Bildarchiv.

Der Kern seiner Arbeit liegt in der Dokumentation biologischer Vielfalt. Zu diesem Themenkomplex werden seit vielen Jahren seine Fotos und Reportagen im In- und Ausland in vielen gängigen Zeitschriften und Buchproduktionen publiziert.

Einen weiteren Schwerpunkt seiner Tätigkeit bildet die von ihm auf professionelles Niveau gehobene künstlerisch-kreative Vintage-Makrofotografie – also die Fotografie mit alten Objektiven an modernen Sensoren. Unter anderem hat er den einzigartigen Multivisions-Vortrag Fotografie mit Flair – Malen mit der Kamera konzipiert und neben anderen Events bei den Internationalen Fürstenfelder Naturfototagen vor großem Publikum gehalten.

Kommentare

Profile picture for user Blümeljana
Makronist

Hallo Roland,

interessanter und vor allem bildlich sehr schöner Artikel. Im Prinzip sind ja alle Fotos toll :-) aber die Waldreben haben es mir besonders angetan.

Ja...und manchmal würde ich mir auch noch zusätzlich was anderes interessantes wünschen, als einen "Bubble-Maker"... ;-)

Liebe Grüße, Jana

Profile picture for user Roland

ADMIN

Hallo Jana,

freut mich, dass Dir die Fotos in dieser Objektiv-Besprechung gefallen. Dafür zeichnet in erster Linie das tolle Oly 1.2/55mm verantwortlich :-).

Es gibt noch eine ganze Menge total interessante Vintage-Objektive, und hierunter auch sehr viele "Nicht-Bubble-Maker" (grins). Es ist sehr reizvoll, mit mehreren verschiedenen Objektiven zu arbeiten und so die jeweils unterschiedlichen Abbildungscharakteristiken kennenzulernen und anzuwenden. Das ist ein hochkreatives Arbeiten – und sehr erfüllend.

Liebe Grüße
Roland

Profile picture for user Hannelore Weiße
Makronist

Hallo Roland,

deine Fotos sind ein Traum. Sowas möchte frau auch können. mein Favorit ist die Pfingstnelke. Ich habe ein 50mm Rollei Objektiv, ca 50 Jahre alt, geerbt. Wäre das geeignet für diese Technik? Liebe Grüße,

Hannelore

Profile picture for user Mainecoon

Makronist

Hallo, Hannelore,

Roland ist an diesem Wochenende in Mölln für drei Vorträge und zzt. auch sehr eingespannt, daher könnte es etwas länger dauern, bis du eine Antwort von ihm bekommst. Aber vielleicht kann ich vorab schon mal ein wenig Licht ins Dunkel bringen.

Du fragst, ob ein 50 Jahre altes Rollei 50mm-Objektiv dazu geeignet ist, ein Foto wie das der Pfingstnelke von Roland zu erzeugen. Die klare Antwort lautet: vielleicht.

Zunächst einmal ist jede Festbrennweite geeignet. Theoretisch ist auch jedes analoge Objektiv geeignet, vorausgesetzt, es ist pilzfrei. Was bedeutet "geeignet"? Sie sind in der Lage, besondere Hintergründe (Bokeh) zu zaubern, wenn sie an eine digitale (System-)Kamera angeflanscht werden. Sie "schaffen" das, weil sie alle per Hand hergestellt wurden und somit nicht so exakt identisch wie die heute computergesteuert hergestellten. Zudem hat jedes Objektiv seine Geschichte: runtergefallen, Lagerungsart, Fehler bei der Herstellung usw. D.h. kein Objektiv ist wie das andere, selbst nicht innerhalb einer Herstellungscharge.

Ist dein Rollei in der Lage, Vintage-Fotos zu machen? Das kann durchaus sein. Kann es in der Art malen wie das Objektiv von Roland? Vielleicht, aber vermutlich nicht. Wie schon gesagt: Jedes Objektiv ist individuell. Daher kann niemand - ohne das Objektiv getestet zu haben - dir sagen, wie es ggf. malen wird. Am besten ist, du schaust nach Spuren von Pilzen auf den Linsen. Ist da nichts zu sehen, steht einer ausführlichen Expedition mit dem alten Schätzchen nichts im Wege.

Zur weiteren Info kann ich dir wärmstens empfehlen, in die Makrofoto-Hefte zum Thema zu schauen. Zudem hat Roland ja auch die Termine für seine Workshops im Sommer veröffentlicht. Aus eigener Erfahrung kann ich dir versichern, dass du dort entscheidende Tipps und Hinweise für diese andere Art des Fotografierens bekommst (sie unterscheidet sich in zentralen Punkten vom herkömmlichen Fotografieren).

Ich hoffe, ich konnte etwas weiterhelfen.

Viele Grüße

Mainecoon

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