Roter Hartriegel; © Roland Günter

Petzval-Objektiv – Die Mutter aller modernen Objektive

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Petzval-Objektiv – Die Mutter aller modernen Objektive

Do, 14/11/2019 - 12:05
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Ein Vintage-Makrofoto-Experiment mit einem etwa 120 bis 140 Jahre alten Objektiv – Bildmalen total!

Im Jahre 1840 entwickelte Josef Maximilian Petzval in Österreich das erste Objektiv, zu dessen Konstruktion Berechnungen durchgeführt wurden. Dieser Schritt war richtungsweisend und führte sowohl zu besseren optischen Leistungen als auch zu bis dahin unerreichten hohen Lichtstärken. Deshalb kann das "Petzval-Objektiv" als die Mutter aller modernen Objektive angesehen werden.

Petzval-Objektive sind Vierlinser und waren über viele Jahrzehnte insbesondere bei Porträtfotografen sehr begehrt. Ein klassischer Look ist der Messing-Korpus – weit verbreitet bei diesen sehr alten Objektiven.

Kürzlich fand ein Petzval-Objektiv den Weg in meine Hände – und dann natürlich auch an meine Kamera. Dieses Objektiv verfügt über keine Aufschrift, sodass ich es keiner Herstellerfirma zuordnen kann. Ich konnte jedoch herausfinden, dass es sich um ein 175mm-Objektiv mit der Lichtstärke 4.0 handelt.
 

Petzval-Objektiv 4.0/175mm, hergestellt wahrscheinlich irgendwann zwischen 1870 bis 1900.

Seitlich am Messing-Korpus ist die Rändelung zu sehen, über die mittels eines längeren Stifts mit Zahnrad scharfgestellt wurde. Mit dieser einfachen Technik konnte das Objektiv im Kamerakasten vor- und zurückgedreht werden.
 

Dieses alte Messing-Objektiv wurde anscheinend für eine große Holz-Kastenkamera mit einer großen Distanz zwischen Objektiv und Filmplatte konstruiert, was bedeutet, dass ich einen langen Auszug bei der Benutzung an meiner flachen Digitalkamera benötige. Ich montierte einen M42-Anschluss an das Objektiv und schraubte etwa 20cm Zwischenringe zwischen Objektiv und Kamera. Nun war der Weg frei für die Petzval-Makrofotografie :-).

Die Schärfeleistung vieler Petzval-Objektive ist erstaunlich hoch, lässt aber im Nahbereich rasch nach. Auch meins zeichnet die kleineren Motive recht weich – was für mich aber kein Problem darstellt. Schließlich möchte ich mit diesem Objektiv malen. Strebe ich gestochen scharfe Fotos an, greife ich in meinen Schrank und hole ein modernes Makroobjektiv heraus.

Petzval-Objektive bilden mit einem starken Swirl-Effekt ab, auch "Swirly-Bokeh" oder "Schwurbel-Effekt" genannt. Hierbei entsteht der Eindruck, der Hintergrund würde um das Bildzentrum herum rotieren. Dieser Effekt lässt sich sehr wirkungsvoll einsetzen, kann aber auch schnell übertrieben werden.

Eine andere besondere Eigenschaft vieler Petzval-Objektive liegt in deren Farbwiedergabe. Die alten Gläser geben die Farben häufig weicher, pastelliger wieder als modernere Linsen. Die Ausprägungen und Übergänge hierbei sind fließend und die Ergebnisse subjektive Geschmacksache. Aber richtig angewendet, erhält man mit Petzval-Objektiven einen Bildlook, der eben nur mit Petzval-Objektiven zu erzielen ist :-).
 

Hier swirlts schon ganz schön! Roter Hartriegel (Cornus sanguinea) vor Herbstlaub, das in zahllosen weichen Farbübergängen – wie einem Malkasten entsprungen – um das Hauptmotiv zu kreisen scheint.

Sony A7II; Petzval-Objektiv 4.0/175mm; Blende 4.0; 1/125s; ISO 800
 

Die Stärke der Ausprägung des Swirl-Effekts lässt sich ganz gut steuern. Eine entscheidende Rolle spielen die Struktur des Hintergrunds sowie die Entfernung derselben zum Hauptmotiv.
Bei diesem Foto vom Pfaffenhütchen (Euonymus europaeus) bin ich ins Gebüsch gestiegen :-) und habe die Atmosphäre seines Innenlebens aufgenommen. Der Swirl-Effekt ist deutlich weniger wirksam als beim Hartriegel-Foto. 

Sony A7II; Petzval-Objektiv 4.0/175mm; Blende 4.0; 1/200s; ISO 200

Hagebutten der Hunds-Rose (Rosa canina). Insbesondere in den Unschärfen des Hintergrunds zeigen sich die pastelligen Farben, die vielen Petzval-Objektiven zu eigen sind.

Sony A7II; Petzval-Objektiv 4.0/175mm; Blende 4.0; 1/160s; ISO 200
 


Grauer Storchschnabel (Geranium cinereum ´Ballerina´). Durch die Charakteristik der Hintergrundunschärfen erhalten Petzval-Fotos häufig ein sehr plastisches Aussehen; das Hauptmotiv scheint wie ein 3D-Plopp in den Bildvordergrund zu springen.

Sony A7II; Petzval-Objektiv 4.0/175mm; Blende 4.0; 1/200s; ISO 320
 

Mehr über die Vintage-Makrofotografie erfährst Du in MAKROFOTO AUSGABE 7

Roland Günter ist Betreiber von Makrotreff und Herausgeber von MAKROFOTO. Der Dipl. Forst-Ingenieur betreibt die Makrofotografie hauptberuflich und verwaltet ein umfangreiches biologisch-wissenschaftliches Bildarchiv.

Der Kern seiner Arbeit liegt in der Dokumentation biologischer Vielfalt. Zu diesem Themenkomplex werden seit vielen Jahren seine Fotos und Reportagen im In- und Ausland in vielen gängigen Zeitschriften und Buchproduktionen publiziert.

Kommentare

Profile picture for user Sigi Weyrauch

Das finde ich mal richtig klasse, solche verborgenen Schätze detailliert vorzustellen mit ausführlicher Beschreibung. So kann ich mir ein Bild machen wie und was damit so geht. 

Und dazu die Begriffe wie Schwurbel usw. hier sind sie verdeutlicht.

Gefällt mir

Gruß Sigi 

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ADMIN

Hallo Gabi,

ja, mir geht es bei solchen Arbeiten ähnlich. Ich schraube mir so einen alten Scherben vor die Kamera, lasse das Licht ein wenig tanzen – und bin oft völlig verdutzt, wenn ich erkenne, was für ein rares Obi-Schätzen da Einzug in meine Vintage-Foto-Welt gehalten hat. Überraschungen sind hier echt nicht selten. Irgendwie haben diese Teile eine Art Seelenleben: Man braucht sie nur ein bisschen zu streicheln, und schon zaubern sie die tollsten Gemälde :-).

Macht irre Spaß!

Lieber Gruß,

Roland

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MOD

Hallo Roland,

also diese Farben sind echt traumhaft. Das habe ich so noch nicht gesehen.Hat was Magisches für mich. Auch die Weichheit beim Zeichnen ist sehenwert. Ein echtes Goldstück.Passt ja auch farblich. Da hast du uns wieder eine tolle Möhre an die Angel gehängt. :-) Danke für`s Vorstellen. Von nun an schläft der Vintagist nicht nur bei Vollmond schlecht.*grins

Liebe Grüße

Gabi

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ADMIN

Hallo Gabi,

ja, ich finde es auch immer wieder faszinierend, wie manche alte Linsen Farben darstellen: warm, weich, pastellig. Manchmal kräftig, aber nicht zu kräftig. Die Fotos beispielsweise vom Petzval hier in diesem Post sind nur geringfügig bearbeitet, fast nur das Nötigste aus dem RAW heraus. Somit sind die Farben so, wie sie das Objektiv herausgibt.

Tja, die Vintage-Makrofotografie macht dem Vollmond schon ernsthaft Konkurrenz, wenn es darum geht, den Homo sapienses auf diesem Planeten die Nacht zu verpfuschen... .-).

Lieber Gruß,

Roland

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ADMIN

Hallo Klaus,

na, aber hallo! Wir sind doch alle keine Kinder der leicht kapitalistisch orientierten Konsumgesellschaft... (grins)!

Ich muss gestehen, ich habe da auch schon so manche Niete gezogen. Da zerrt man sich so ein toll aussehendes Uralt-Teil an Land, kurbelt es voller Hoffnung an die Sensor-Maschinerie – und raus kommt der blanke Suppenkasper! Selbst beispielsweise nicht sichtbare kleinste Linsenverschiebungen (und die können sich im Laufe von guten Hundert Jahren locker mehrmals verschieben) können einem eine regelrechte Vintage-Wutbirne wachsen lassen.

Und dann: Da kommt ein kleines, zurückhaltendes, unscheinbares, schüchternes Messingröhrle daher, seit Tausenden und Abertausenden von Jahren im Dornröschenschlaf, und wartet, endlich die Krönung seines Lebens leben zu können. Endlich frei durchatmen zu können. Endlich zeigen zu können, was an Kraft in ihm steckt. Endlich malen zu dürfen, wozu es zu malen imstande ist.

Dann geht´s meist ganz langsam los: erste Versuche unter "fotografisch guten Bedingungen" – nein, das ist nichts!

Die Leine lockerer lassen,
dem Objektiv mehr Spielraum geben.
Es durch die Welt potentiell möglicher Motive laufen lassen.

Und dann geht´s plötzlich los. Dann, wenn kein Licht da zu sein scheint, wenn jedes andere Objektiv bereits zurück "ins Körbchen" ist, dann fängt dieses blasse, introvertierte Messingröhrle plötzlich an zu zaubern. Es kitzelt das letzte Licht aus dem Motiv, lässt es seidenweich durch seine handgefertigten Gläser streifen – und formt ein unfassbares Gemälde!

Ich muss aufhören und um mein Vintage-Freudenfeuer tanzen gehen...

Lieber Gruß,

Roland

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Erstellt von Thomas Boll (nicht überprüft) on Do, 14/11/2019 - 23:57 Permanenter Link

Hallo Roland,

absolut der HAMMER wie dieses alte Objektiv in deinen goldenen Händchen aufblüht!

Was meinst Du zu der neueren Ausgabe (2013) des Petzval 55/1.7 Mark II. Diese Objektiv gibt es leider nicht mit MFT- Anschluss. Das Objektiv wird nur mit Canon-RF-, Nikon-Z- und Sony-E-Bajonett angeboten. Wie könnte man dieses Objektiv adaptieren? - Hast Du eine Idee oder eventuell Erfahrung?

Liebe Grüsse

Thomi

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ADMIN

Hallo Thomi,

ich habe mit diesem neuen Petzval 55/1.7 Mark II noch nicht gearbeitet, kann mich also nicht sicher und verbindlich zu dessen Abbildungseigenschaften äußern.

Aber ich spekuliere mal :-):
Das "Besondere" an den alten Objektiven – so auch bei dem von mir oben eingesetzten Petzval-Objektiv – sind die alten Linsen, sprich die alten Gläser. Sie wurden mit den Fertigungsmöglichkeiten hergestellt, die man früher hatte. Hierzu gehört das Material genauso wie der Fertigungsprozess. Es gab regelrechte Rezepturen, nach denen die Gläser erstellt wurden. Und diese Gläser sind ein bisschen das Zünglein an der Waage, wenn man mit diesen Objektiven heute arbeitet. Diese Gläser sind es, die eine neue Partnerschaft mit den modernen Sensoren unserer Kameras eingehen. Sie zaubern, sie malen

Nun stellt sich die Frage, wie die "neuen" Alten hergestellt werden. Werden sie genauso produziert wie früher? Mit den gleichen Zutaten. An den gleichen Rührmaschinen? Einige Hersteller (von denen es ja mittlerweile mehrere gibt; es ist ja so ein bisschen hip, alte Objektiv-Klassiker neu aufzulegen) geben an, die Neuen wären wie die Alten. Diejenigen Tests, die ich bisher diesbezüglich gemacht habe, zeigten mir etwas anderes. Sie unterschieden sich von den echten Alten, und zwar deutlich.

Das "berühmteste" Beispiel hierzu ist das legendäre Trioplan 2.8/100 – die Bubble-Maschine :-). Auch dieser Klassiker wurde neu aufgelegt. Es hieß, die Neuproduktion würde die gleichen Eigenschaften haben wie die Alten, gegebenenfalls sogar mit leichten Verbesserungen. Pustekuchen! Ich habe zwei dieser Teile getestet, eines habe ich immer noch hier. Die sind aber auch überhaupt nicht mit den klassischen Trioplans 100 vergleichbar. Ich habe immer eines dieser elendig teuren Neuauflage beim Vintage-Makro-Workshop dabei, sodass sich die Teilnehmer selbst im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild machen können.

[Anmerkung: die Trioplan 2.8/100mm-Objektive gibt es in mehreren Ausführungen. Mit dem "Klassiker" ist in der Regel die Nachkriegsausführung gemeint. Und sie hat den Ruf des Klassikers völlig berechtigt; dieses Objektiv ist ein absoluter Allrounder.] 

Zurück zum Petzval. Nun weiß ich nicht, wie sich diese Neuauflage schlägt. Aber wenn ich sowas lese wie "...und einem verbesserten Bokeh-Control-System...[Website des Herstellers]", dann gehe ich schon in die Knie. Meine Zweifel erhalten Nährboden. Ein "verbessertes Bokeh-Control-System"– will ich das? Was wird hier verbessert gegenüber den irre tollen Malpinseln von früher. Ich möchte ja mit genau denjenigen Eigenschaften der Gläser von früher meine Fotos "malen". Wenn ich hier etwas "verbessert" haben möchte, warum nehme ich dann nicht mein modernes Obi aus dem Schrank? Das wurde tatsächlich in vielen Punkten "verbessert", hat ja schließlich über 100 Jahre erstklassige Ingenieursarbeit hinter sich.

Aber wenn man es wirklich genau und stichhaltig wissen möchte, muss man es ausprobieren. Vielleicht werde ich mir mal eines zum Testen kommen lassen. Aber leider ging bisher bei solchen Aktionen immer der Schuss nach hinten los... .-).

Es scheint nicht ganz einfach zu sein, alt neu zu machen!

Lieber Gruß,

Roland

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Erstellt von Thomas Boll (nicht überprüft) on Fr, 15/11/2019 - 00:48 Permanenter Link

Danke Roland für deine Ausführungen.

Mein Gedanke ging in eine ähnliche Richtung. Als Vergleich: Fenster die mit neuen  "Butzenscheiben" ausgerüstet werden. Scheiben ohne Charakter, ohne Einschlüsse einfach nur perfekt.... Eine Scheibe wie die andere!

Wie Du schreibst, "es scheint nicht ganz einfach zu sein, alt neu zu machen! "

An einem Testergebnis wäre ich auch interessiert, falls Du mal die Möglichkeit hättest.

Lieber Gruss, Thomi

 

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ADMIN

Hallo Thomi,

ok, jetzt verstehe ich. Ja, das wäre interessant. Wenn ich diesen Test mal durchführe - was durchaus irgendwann sein kann :-) –, werde ich selbstverständlich hier auf Makrotreff das Ergebnis vorstellen.

Lieber Gruß,

Roland

Profile picture for user Johannes_BW1

Hallo

Dieses Design wird bei Teleskopen auch heute noch häufig verwendet. Dadurch soll ein flaches Bildfeld erzeugt werden. Sprich "runde Sterne auch am Rand".

Die Farbkorrektur macht man durch die Auswahl der Partnergläser (verschiedener Brechungsindex für die Farben). Ziel dabei ist ,möglichst alle Farben mit der gleichen Schärfeebene und unter einem Pixel. (keine farbigen Ringe).

Grüße

Karl

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ADMIN

Hallo Karl,

das Petzval-Linsenprinzip – vier Linsen in zwei Gruppen, von denen eine verkittet ist – war lange Zeit eine sehr geschätzte Optik unter Fotografen. Ihr Nachteil liegt in den starken Randunschärfen, die aber in der heutigen gestalterischen Vintage-Fotografie sehr effektvoll eingesetzt werden können.

Die warme Farbgebung ist dann noch so was wie ein Zusatz-Sahnehäubchen für Kreativfotografen... :-).

Lieber Gruß,

Roland

Profile picture for user Johannes_BW1

Hallo Roland,

Die heutigen Optiken sind eher auf neutrale Farben korrigiert, Die absolute Schärfe ist bei Teleskopen wegen des Seeing eh nicht gefordert. Die Sterne in den Ecken sollten halt rund sein. Da habe ich bisher noch keinen Vierlinser gefunden der das leistet. Aber das gilt leider auch für Teleobjektive mit viel mehr Linsen. Zumindest im Bereich von 250-400mm.

Grüße

Karl

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