Foto-Howto – HAIKU fotografieren

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Foto-Howto – HAIKU fotografieren

Di., 09/12/2025 - 06:41
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Update 07.01.2026

Weitere Haiku-Beispielbilder mit Erläuterungen:

Ein Fleckchen Boden

Schneegras

Waldfenster

Zwischen Schuhspuren ein Blatt

Leise Kurven ruhn

Freier Fall
 

Wie ein Hauch im Wind

Haiku ist eine äußerst reduzierte japanische Gedichtform. Mit nur wenigen Worten wird eine starke Wirkung erzeugt. Ein klassisches Haiku hält flüchtige Momente fest – oft inspiriert von der Natur und getragen von Stille und Tiefe.

Dabei steht nicht das Ergebnis im Mittelpunkt, sondern das Erleben selbst: die Stimmung, das Gefühl, der Augenblick. Anspielungen, Doppeldeutigkeiten und Gedankensprünge lassen Raum für eigene Empfindungen. Unterstützt wird dies durch die oft großzügige Platzierung des Textes in ein weiträumiges, leeres Umfeld, das das Ungesagte betont. Ein Haiku will nicht beim ersten Lesen verstanden werden. Es lädt dazu ein, immer wieder neu entdeckt und ergänzt zu werden – durch eigene Gedanken, Bilder, Gefühle. Erst dadurch wird es vollendet.

Doch funktioniert das nur mit Worten? Oder kann man sich dieser Idee auch bildnerisch nähern?
 

Genau dieser Frage gehen wir in diesem Makrotreff-HowTo HAIKU nach (siehe auch den begleitenden Haiku-Makrofotografie-Mitmachpost). So wie das klassische Haiku Raum lässt für eigene Interpretationen, wollen wir Fotos schaffen, die nicht das Offensichtliche, nicht das Spektakuläre abbilden – sondern das, was mitschwingt. Eine Ahnung. Eine Bedeutung zwischen den Dingen.
Das ist leichter gesagt als getan. Zwar gilt: Alles ist erlaubt, nichts ist falsch. Doch einfach „drauflosknipsen“ wird dem Thema nicht gerecht.
Und natürlich: Wir erheben nicht den Anspruch, ein Haiku im eigentlichen Sinn „richtig“ umzusetzen – wie auch? Es wäre vermessen zu glauben, man könne eine jahrhundertealte kulturelle und philosophische Tradition einfach adaptieren. Vielmehr verstehen wir unser Vorhaben als einen behutsamen Annäherungsversuch – als ein tastendes Experiment. Als ersten Schritt durch eine Tür in eine Welt, die für viele von uns ungewohnt ist. Gerade diese Fremdheit aber weckt Neugier – und öffnet einen Raum für neue Perspektiven.

Bei diesem Foto-HowTo bleibe ich beim Natur-Haiku; in der modernen Interpretation hat sich Haiku weit über Naturthemen hinaus ausgeweitet. Beibehalten wurde jedoch die Intention: das Festhalten eines flüchtigen Moments.
 


Dieses Bild der zwei Moos-Sporangien mit anhängenden Eistropfen ist KEIN Foto im Sinne von Haiku. Das Hauptmotiv – die beiden Sporangien – ist zu spektakulär. Hinzu kommt seine präsente Platzierung auf die linke (Moos-Sporangien) und obere (Eistropfen) Drittellinie. Und ein attraktives helles Licht lässt die beiden Tropfen (besonders) glänzen.
Durch all diese Faktoren wird der Betrachterblick sofort auf das Hauptmotiv gelenkt – auf das "Schöne", das "Besondere", das "Perfekte". Zu perfekt für ein Haiku-Bild! Genau dieses isoliert Perfekte gibt es in der Natur nicht für sich alleine, nicht so wunderbar eingerahmt und in Szene gesetzt, das ist nur im Bild der Fall. In der Natur gibt es viele weitere Strukturen im Umfeld eines Hauptmotivs (hier der Moos-Sporangien), mit viel mehr Zwischenräumen. Dies gibt das Bild nicht wieder. Hier hat der Fotograf viel Einfluss genommen durch Anwendung von schönheitsfördernden Bildwirkungsmitteln (z. B. Festlegung des Ausschnitts und Platzierung des Hauptmotivs im Bild) und Fototechnik (z. B. hochbrillante Optik mit hoher Schärfewiedergabe). Haiku hingegen versucht, sich der ganzen Wahrheit zu nähern, die ganze Wahrheit zu erfassen, vollständig zu sein.
 

Worauf kommt es an?

Das perfekte Motiv

Man kann das ganz schnell auf den Punkt bringen:

Das perfekte Motiv ist das nicht perfekte Motiv.

Daraus resultiert die Frage: Was ist das nicht perfekte Motiv?
Für die Haiku-Fotografie eignet sich generell alles, was sich in der Natur oder Restnatur findet. Und hierbei gilt: je unspektakulärer, desto besser! Aber typisch soll es sein, typisch für die jeweilige Jahreszeit. Hilfreich können sogenannte Kigos sein – japanische Jahreszeitenwörter. Sie symbolisieren eine bestimmte Jahreszeit, z. B. „Kirschblüte“ im Frühjahr oder „verfärbtes Laub“ für den Herbst.

Für den Winter eignen sich Kigos wie „kahler Ast“ oder "braunes Blatt". Auch Gefühle oder Zustände können Kigos sein, so z. B. Frost, Kälte, Dunkelheit oder Sturm. Lässt sich Sturm fotografieren? Ja, zum Beispiel im Sturm hin- und herwehendes Gras, fotografiert mit einer langen Belichtungszeit, sodass die Bewegung sichtbar wird. Und auch Dunkelheit kann gut zum Ausdruck gebracht werden mit stimmungsvollem Dunkellicht an trüben Tagen.    
 

Ein guter Ort für ein Haiku-Foto: eine Hainbuchenhecke im Winter – durch die klassische Fotobrille betrachtet wunderbar unspektakulär. Genau hier habe ich das nächste Foto gemacht...
 

In dieses Foto habe ich zwei Winter-Kigos (Jahreszeitenwörter) aufgenommen: "kahler Ast" und "Dunkelheit". Ich habe den Ast bewusst in der späten Dämmerung eines trüben Wintertages fotografiert und diese Atmosphäre bei der Bildbearbeitung erhalten; die Stimmung im Bild entspricht der Stimmung dieses Winterabends.
 

Zwei Kigos ordnen dieses Bild eindeutig einer Jahreszeit zu: Der Tropfen an einem blattfreien Ästchen symbolisiert die kalte Jahreszeit ("Winterregen") genauso wie das abgeworfene, braune Ahornblatt am Boden (der Ahorn hat in Japan eine hohe kulturelle Bedeutung). Beide Kigos lösen beim Betrachter, wenn er es zulässt, Wintergefühle aus: kalt, nass, Stille.
 

Der perfekte Ort

Man kann das ganz schnell auf den Punkt bringen:

Der perfekte Ort ist der unperfekte Ort.

Er ist vollkommen unspektakulär. Nicht das spektakuläre Naturhighlight ist gefragt – sondern der unbeachtete Flecken. Haiku ist überall – man muss nur lernen, es zu sehen. Ob Straßenböschung, Heckenrand oder eine winzige Lichtung im Wald: Haiku findet sich dort, wo die Natur einen Moment lang sich selbst überlassen wurde. 
 

Ein unspektakulärer, "ganz normaler" Waldrand – ein Ort, an dem Haiku-Bilder darauf warten, fotografiert zu werden. Braune Blätter, ein Grasbüschel – das reicht aus, um die Wahrheit der ganzen Welt zu entdecken – und zu fotografieren.
 

Die perfekte Bildgestaltung

Man kann das ganz schnell auf den Punkt bringen:

Die perfekte Bildgestaltung ist die nicht perfekte Bildgestaltung – im herkömmlichen Sinne.

In der klassischen (Makro)Fotografie bilden wir das auserkorene Hauptmotiv in all seiner Schönheit und Pracht detailgenau ab und platzieren es für den Betrachter sofort erfassbar ins Bild.   
In der Haiku-Fotografie befreien wir uns von diesem üblichen Muster. Das Hauptmotiv drängt sich nicht mehr in den Vordergrund. Vielmehr tritt es auf eine gewisse Art optisch "leise" auf. Es hält sich bescheiden zurück, bleibt unauffällig. So wie das geschriebene Haiku in ein großzügiges leeres Umfeld platziert wird, legen wir beim Fotografieren das Hauptmotiv beispielsweise an den Bildrand, schneiden es vielleicht sogar an. Oder wir spendieren ihm mittels eines kleinen Schärfepunkts nur einen winzigen Bereich der Bildfläche. Beides führt zur Mehrbetonung des Raums abseits des Hauptmotivs, also des Raums, den nun der Betrachter befüllen kann und dadurch – da bleiben wir ganz in der Tradition des lyrischen Haiku – das Haiku-Bild erst vervollständigt.  
 

Stille, Winter, kalt, ruhen – das sind die ersten Assoziationen des Betrachters, wenn sich ihm dieses Bild öffnet. Das eigentliche Hauptmotiv (ein welkes Hainbuchenblatt am kahlen Zweig) habe ich an den äußersten Rand gesetzt. So macht es die Bühne frei und lädt den Bildbetrachter ein, sich in diesem großen Raum nach seinem Belieben aufzuhalten.
 

Die perfekte Hammerschärfe

Man kann das ganz schnell auf einen Punkt bringen:

Beim Haiku gibt es keine perfekte Hammerschärfe.

Extreme Schärfe und Detailwiedergabe sind ein Charakteristikum klassischer moderner Makrofotos. Dem Hauptmotiv im Haiku-Bild geben sie zu viel Bedeutung. Haiku ist das Ungefähre, das Andeutende. 
Bei der Haiku-Fotografie gibt es zwar noch eine Fokusebene, natürlich. Schärfe ist nötig für eine gewissen Orientierung im Bild. Aber sie soll sich zurückhalten und dadurch Platz für anderes lassen, für einen Raum, der nicht alles vorgibt. Sondern für einen Raum, der ein Angebot an den Bildbetrachter ist, diesen zu füllen – mit Gedanken, Vorstellungen, Gefühlen, Stimmungen oder Phantasien. Fotografisch stellen wir diesen Raum durch Undeutlichkeit, durch Unschärfe dar.

Unschärfen lassen sich durch zwei Techniken darstellen: Defokussierung oder Bewegung. Weit offene Blenden oder bewusste Verwischungen mit längeren Belichtungszeiten sind hier Mittel der Wahl. 
 

Schärfe im Hauptmotiv, ja! Aber sie hat nicht den hohen Anspruch wie in der modernen Fotografie und darf bei der Haiku-Fotografie etwas "sanfter" ausfallen. Denn: Sehr hohe Schärfe und Detailwiedergabe binden den Betrachterblick, das ist nicht die Absicht von Haiku. Haiku lässt den Betrachterblick umherwandern, erkunden und entdecken – immer verbunden mit einer Einladung der Betrachter-Phantasie.
 

Ein Grasbüschel im Winterwind. Die 1/250 Sekunde des modernen, hochkorrigierten Voigtländer Macro Apo-Lanthar 2.5/125mm holte mir durch das Verwischen der sich stärker bewegenden Grashalme etwas Wind ins Bild. Die weniger stark bewegten wurden hingegen eingefroren.
Beim Betrachten des Bildes fühle ich sofort den kalten Winterwind auf meiner Haut, rieche den modrigen Geruch des Ahornlaubs am Boden – und erfreue mich nachträglich an dem trüben Winternachmittag, an dem ich dieses Bild machte.
 

Das perfekte Objektiv

Man kann das ganz schnell auf den Punkt bringen:

Für die Haiku-Fotografie gibt es kein perfektes Objektiv.

Generell kann mit allen Objektiven Haiku-Fotografie betrieben werden. Aber: Lichtstärke hilft. Und Nahbereichsfähigkeit. Klassische Makroobjektive eignen sich gut. Lichtstarke Normalobjektive – egal ob modern oder vintage – manchmal noch besser: Ihre große Offenblende, kombiniert mit Zwischenringen, liefern das nötige Maß an Schärfe UND Unschärfe. 
Wir erinnern uns: Maximale Detailgenauigkeit und Rasiermesserschärfe gehören nicht zu den bevorzugten Darstellungsmitteln eines Haiku. Es sind die Unschärfen, die den "poetischen" Raum fixieren.

Optimal sind Brennweiten zwischen 80–150 mm. Weitwinkel bringen zu viel Unruhe, lange Teleobjektive ggf. zu viel Zwischenraum. Entscheidend ist: Das Objektiv muss nicht perfekt abbilden – es soll inspirieren. 
 

Gut geeignet sind Makroobjektive, wie das hier verwendete Sony FE 2.8/90mm Macro G OSS. Und hier gilt: je lichtstärker, desto besser. Offene Blenden machen dem Haiku-Fotografen die Darstellung der Unschärfen einfacher, in die sich dann der Bildbetrachter hineinbegeben kann.
 

Manche alte Objektive verfügen bei eher mäßiger Schärfe über sehr hohe Lichtstärken von 2.0 und mehr. Mit dem hier eingesetzten 1.25/90mm Vintage-Objektiv ließen sich hervorragend die Räume gestalten, in denen der Bildbetrachter durch seine Vorstellungs- und Phantasiezugabe das Haiku vervollständigen kann.
 

Bei Brennweiten kürzer als 80mm – so wie das hier verwendete 50mm Objektiv – sind Lichtstärken von 1.5 und höher von Vorteil, um Unschärferäume zu gestalten.
 

Die perfekte "sonstige" Technik

Man kann das ganz schnell auf den Punkt bringen:

Es gibt keine perfekte sonstige Technik.

Einfach Kamera und Objektiv nehmen, rausgehen, auf den Boden setzen oder legen, und sich der Umgebung annähern. Kein Stativ, kein High-Tech-Zubehör. Allenfalls ein Sitzkissen oder eine Isomatte für Komfort – das reicht. 
 

Haiku ist Minimalismus, nicht nur im Motiv, sondern auch bei der Erstellung. Kamera mit Objektiv auf den Boden (oder Unterarm) legen, langsam bewegen – und schauen, was passiert.
 

Das perfekte Licht

Man kann das ganz schnell auf den Punkt bringen:

Das perfekte Licht ist das nicht perfekte Licht (im herkömmlichen Sinne).

Diffuses, trübes, stilles Licht ist ideal. Es unterstützt die Stimmung, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Dämmerung, Winterlicht, Nebel – das sind die Raumöffner im Winter-Haiku-Foto. Wenn Licht „laut“ wird, sollte es gezielt und behutsam eingesetzt werden – als Erzähler, nicht als Scheinwerfer. 
 

Dieses Bild des Winterblattes der Gundelrebe (Glechoma hederacea) stellt das Hauptmotiv zu präsent in den Vordergrund. Es zieht den Betrachterblick sofort an, und das attraktive, direkte Licht auf dem Blatt – ähnlich einem Spot auf den Hauptdarsteller auf einer Theaterbühne – lässt nichts anderes zu, als es isoliert zu bestaunen. Der optisch attraktive Hintergrund betont zusätzlich die Wirkung des Blattes, seine Bedeutung ist also primär dienend für das Hauptmotiv. Der Bildbetrachter hat aufgrund dieser deutlichen Lenkung trotz großer Unschärfeflächen im Bild nur einen stark eingeschränkten (Spiel)Raum für die Entwicklung eigener Gedanken, Phantasien und Gefühle.
 

Direktes Sonnenlicht kann erschlagen, es kann aber auch zurückhaltender Mitspieler im großen Ganzen der Bühne sein.
Den Lichtreflexen auf den Grashalmen nahm das dürftig korrigierte 1.0/90mm Vintage-Objektiv die strahlende Dominanz, sodass sie sich bescheiden einfügen.
Der zarte grüne Halm rechts zeigt aus dem Bild heraus in den Raum, der kein Ende hat. Und wie gut, dass im unteren Bildviertel ein Grashalm "unschön" quer lag – ein Schönheitsfehler in der modernen Fotografie, im authentischen Haiku ein Zeuge für Wahrheit und Vollständigkeit.
An diesem Bild ist nichts perfekt – und damit ist es ein echtes Haiku. 
 

Häufig ist es das sanfte, diffuse Licht, das ein Haiku am liebsten mag: normal, einfach, echt – eben authentisch. Hier wird nichts hervorgehoben und auch nichts zurückgedrängt. Die sanften Licht-/Schatten-Kanten eines bedeckten Himmels oder der Dämmerung erzeugen die Bildtiefe.
 

Das perfekte Vorgehen

Man kann das ganz schnell auf den Punkt bringen:

Es gibt kein perfektes Vorgehen.

Das Ziel ist nicht das perfekte Foto vom perfekten Motiv. Wäre dem so, gäbe es wohl auch ein perfektes Vorgehen. Wollen wir mit der Kamera dem Haiku nachspüren, steht das Erlebnis im Vordergrund, nicht das Ergebnis.

Ein Beispiel einer Vorgehensweise: 
Suche dir einen unspektakulären Ort – eine Waldlichtung, einen Waldrand, eine Böschung oder einen Heckenrand. Werde still, beobachte. Nimm deine Kamera, leg sie auf den Boden oder auf deinen Unterarm. Bewege sie langsam nach vorne, schwenke dabei auch schonmal leicht nach links oder rechts. Mit der Zeit wirst du ein Gespür entwickeln für die schmale Schärfeebene und den Bildwinkel deines Objektivs. Du wirst verwundert sein, wie dir bereits mit minimalen Bewegungen die Veränderung der schmalen Fokusebene immer wieder neue Bilder zeigt.

Lass dich von Strukturen, Licht und Schärfeverläufen leiten. Folge dem, was sich zeigt – nicht dem, was du suchst! Sobald sich ein "Hauptmotiv" in Form einer Struktur zeigt – ein Grashalm, oder vielleicht auch nur eine Blattkante – folge ihm mit der Kamera und setze es so ins Bild, als sei es beiläufig. Positioniere es weg von der Bildmitte, vielleicht sogar weg von bildgestalterischen Zentralpunkten wie Goldener Schnitt oder Drittellinie; eine solche "besondere" Lage könnte bereits seiner Beliebigkeit, seiner Belanglosigkeit im Wege stehen. Nun gib dem Raum zwischen den Strukturen Bildfläche; gib dem Raum Raum. Wenn sich die Tiefe hinter dem Hauptmotiv zeigt, löse aus.

Das wird herausfordernd sein – denn wir sind es gewohnt, mit klaren Zielen zu fotografieren. Haiku ist anders. Es verlangt Vertrauen – in die Umgebung, das Motiv und in dich selbst. Vertraue darauf, dass das Foto dich findet. 
 

So könnte der Anfang eines guten Haiku-Bildes aussehen: Zu einer Stelle gehen, die so (unspektakulär) aussieht wie diese hier, und dann dort erst einmal ankommen. Alleine eine solche Stelle als "motivwürdig" zu akzeptieren, wird am Anfang schwer fallen. Sie ist hervorragend geeignet für ein Haiku-Bild.
 

Ein Grasbüschel auf dem Waldboden im Winter – nichts besonders Auffälliges, nichts besonders "Schönes", nichts besonders Besonderes – gute Ausgangslage für ein gutes Haiku-Foto. Das folgende Foto habe ich wenige Minuten nach der Entstehung dieses Bildes hier gemacht.
 

Flüchtig, vergänglich wirkt das welke Gras vor dem bedeckten Himmel. Die Offenblende des lichtstarken Teleobjektivs lässt Gräser aus dem Nichts auftauchen und wieder im Nichts verschwinden. Die Räume dazwischen sind... – Haiku.
 

Ein Ausschnitt einer beliebigen Stelle eines Waldbodens im Winter – gut geeignet für Haiku-Bilder.
In diesem Ausschnitt, den du hier siehst, ist das folgende Haiku-Bild vom Steinsamen-Blatt entstanden. Wenn du genau schaust, wirst du das Blatt finden – und erkennen, wie bedeutungslos, wie unspektakulär es ist.
 


Das Spektakuläre ist das Unspektakuläre. Eine beliebige Stelle auf einer Waldlichtung, eine Kamera mit einem lichtstarken 1.2er Teleobjektiv auf dem Boden, eine Hand, die die Kamera langsam nach vorne schob. Plötzlich zeigte sich – wie aus dem Nichts kommend – die Spitze dieses nach oben gebogenen dunkelbraunen Blattes auf dem Display. Wie von alleine schob es sich dezent zurück an den Bildrand, und als der tiefe Raum in den Unschärfen entstand, löste ich aus.

Ganz leise. Ganz einfach. Ganz Haiku.
 

Die stilistische Darstellung dieses HowTo zeigt: Haiku und das Wesen des Perfekten passen nicht zusammen. Perfektion ist kein Maßstab. Hier schimmert die radikale Akzeptanz des Zen-Buddhismus durch: Eine Situation ist nicht perfekt, sie ist, wie sie ist. Und genau so will Haiku sie erfassen, klassisch lyrisch – oder, wie wir es wagen, bildnerisch.

Ich wünsche dir viel Freude dabei!
Roland

[Alle Fotos © Roland Günter]

Siehe auch unseren Haiku-Makrofotografie-Mitmachpost

Weitere Haiku-Beispielbilder mit Erläuterungen:

Ein Fleckchen Boden

Schneegras

Waldfenster

Zwischen Schuhspuren ein Blatt

Leise Kurven ruhn

Freier Fall


Literatur-Tips:

Haiku fotografieren – Ein neuer Ansatz für die Naturfotografie; Martin Timm, fotoforum Verlag

MAKROFOTO Spezial – Vintage-Makrofotografie; Artikel "Reduktion im Bild" v. Roland Günter; S. 76-83
 

Roland Günter ist Betreiber von Makrotreff und Chefredakteur von MAKROFOTO. Der Dipl. Forst-Ingenieur betreibt die Makrofotografie hauptberuflich und verwaltet ein umfangreiches biologisch-wissenschaftliches Bildarchiv.

Der Kern seiner Arbeit liegt in der Dokumentation biologischer Vielfalt. Zu diesem Themenkomplex werden seit vielen Jahren seine Fotos und Reportagen im In- und Ausland in vielen gängigen Zeitschriften und Buchproduktionen publiziert.

Einen weiteren Schwerpunkt seiner Tätigkeit bildet die von ihm auf professionelles Niveau gehobene künstlerisch-kreative Vintage-Makrofotografie – also die Fotografie mit alten Objektiven an modernen Sensoren. Unter anderem hat er den einzigartigen Multivisions-Vortrag Fotografie mit Flair – Malen mit der Kamera konzipiert und neben anderen Events bei den Internationalen Fürstenfelder Naturfototagen vor großem Publikum gehalten.

Kommentare

Profile picture for user Ingo Heymer
Makronist

Hallo Roland,

danke für die spannende Anregung! Darüber muss man erst einmal viel nachdenken. Immerhin fordert diese Art der Fotografie, viele Grundregeln der herkömmlichen Makrofotografie über Bord zu werfen - weil das Ziel ein anderes als üblich ist. Dir und euch alles Gute. 

Liebe Grüße 

Ingo

Profile picture for user Roland

ADMIN

Hallo Ingo,

mir ging es genauso. Wir sind alle anders konditioniert. Erfordert schon die Vintage-Makrofotografie, wie wir sie hier betreiben, ein Umdenken, so bedeutet Haiku-Fotografie das Loslassen von noch mehr Gewohntem.

Interessant dabei ist: Dieses Vorgehen fördert auch die eigene fotografische Entwicklung im klassischen Sinne. Denn das bewusste Loslassen von Regeln setzt ja voraus, sich erst einmal dieser bewusst zu sein und sie gezielt anzuwenden. Erst dann kann man sie (bewusst) loslassen... :-).

Liebe Grüße

Roland

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