Gabelung

Am späten Nachmittag, der Schneefall hatte aufgehört, musste ich nochmal raus in unseren Garten. Dick eingepackt, mit Handschuhen und Mütze raus, frische Luft und schauen, was der Schnee so alles bewirkt hat. Obwohl ich mit der dicken Winterkleidung fast nicht mehr auf den Boden kam, gefiel mir der vertrocknete Halm im Schnee für einen erneuten Haiku-Versuch:

Gabelung-wohin?

Kälte streift den Horizont

Licht ebnet den Weg

 

Jetzt bin ich wieder im Warmen ;)

Aufgenommen mit Olympus 55/1.2 an der Nikon Z5II mit 11mm Zwischenring

Viele Grüße Kristin

Kommentare

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ADMIN

Hallo Kristin,

du führst mich mit deinem Foto zunächst zur "Gabelung". Nach kurzer Zeit erkenne ich die Beiläufigkeit dieses Hauptmotivs; es ist wenig spektakulär, austauschbar, ja fast belanglos. Es scheint einfach nur da zu sein. Allerdings: Die Form und das Licht auf dem Halm spricht mich dann doch an, fasziniert mich.

Dann passiert etwas Interessantes: Ich sehe und spüre zugleich das Umfeld. Es zieht mich regelrecht vom Hauptmotiv weg. Ich sehe Schnee – und spüre Kälte, eine leise Kälte. Die Kälte liegt auf dem Boden, und hier führen mich Lichtbahnen in den Bildhintergrund; sie führen mich in die Bildtiefe. Dort sehe ich Strukturen, es könnten weitere Pflanzen oder Teile von ihnen sein. Ich rieche Schnee, Kälte und Pflanzenteile. Ich beginne, zu versinken, und möchte gerne bleiben, doch...

...auf meiner gedanklichen und emotionellen Reise werde ich immer wieder von etwas nach vorne gezogen. Es ist der in einem schönen Licht alleine in den Vordergrund platzierte "Gabel"-Halm. Er hat eine leichte Dominanz, die aber stark genug ist, mich immer wieder zu lenken, mich immer wieder auf die Gabelung hinzuweisen. Dabei möchte ich so gerne erst einmal meine gedankliche und emotionelle Reise ungestört durchführen...


Das ist ein tolles Haiku-Bild. Ich habe oben mal beschrieben, wie es auf mich wirkt und welche Rolle dabei der Halm, also das Hauptmotiv, hat. Er ist ein klein wenig zu dominant, zu besonders, weil:

  • er steht alleine in der Schärfeebene (ohne irgendwelche anderen Pflanzen, die ihm dieses Alleinstellungsmerkmal nehmen könnten)
  • er wird attraktiv beleuchtet
  • er ist bildwirksam auf der Drittellinie platziert

Alle drei Punkte gemeinsam führen zu dieser leichten Dominanz.


Ich würde diese Dominanz noch etwas schwächen durch

  • Platzierung nach links, verbunden mit einem Anschnitt etwa auf der Höhe der unteren Halmkreuzung. Dieser Anschnitt nimmt dem Halm (dem Hauptmotiv) Bedeutung. Er sagt so etwas wie "Du bist nicht wichtig genug, um dich nicht anzuschneiden".
  • Dämpfung des Lichts, wenn dies möglich ist – z. B. durch Abschattung vom Himmel mit einer freien Hand
  • Hinzunahme weiterer Halme ins Bild, vielleicht irgendwo in eine Hintergrundunschärfe, die sie aber noch als Halme erkennen lässt. Das hätte die Wirkung, dass dieser Hauptmotiv-Halm nicht der alleinige Matador auf der Bühne ist (natürlich nur möglich, wenn an einer anderen Stelle mehrere Halme vorhanden sind).

Bereits die Umsetzung eines dieser drei Punkte würde die dominante Wirkung des Halms schwächen.


Das ist viel Text für eine kleine Änderung, die nur das Hauptmotiv betrifft. Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies im übrigen ein tolles Haiku-Bild mit einem klasse Haiku-Gedicht ist. Der Weg stimmt!

In diesem Sinne weiterhin "Gut Licht" 
Roland 

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Makronist

Hallo Roland,

sehr detailliert beschreibst du mir dein Betrachten und Empfinden meiner Aufnahme und lässt mich teilnehmen an dem "Wegverlauf deiner Augen". Das hilft mir sehr, um bei ähnlichen Motivgegebenheiten mehr auf das Licht, das Platzieren des (belanglosen) Motivs und seiner Nachbarschaft zu achten.

Klasse und vielen Dank.

Viele Grüße Kristin

 

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