Haiku

Meine Haiku`s unterlege ich gerne Zeilen der großen Haiku-Dichter. Mein liebster ist Kobayashi Issa, von dem auch diese Zeilen stammen:

"Nun vergeht der Herbst

und zum Abschied winken ihm

hohe Gräser zu"

In diesem Thread würde ich mir wünschen, auch etwas mehr den auch philosofischen Aspekt, die Beziehung zum Zen,  auf den Enso-Kreis und das Wabi-Sabi einzugehen.

Kommentare

Profile picture for user Roland

ADMIN

Hallo Klaus-Dieter,

ich finde es klasse, dass du dich ebenfalls dem Haiku-Thema widmest. Es ist wunderschön, wie sich der kleine Zweig oben am Bildrand in den Hintergrund "verunschärft" – und so den Betrachterblick dorthin lenkt.

Hoffentlich überforderst du uns nicht mit deinem Wunsch, thematisch mehr auf die Hintergründe inklusive den Enso-Kreis und Wabi-Sabi einzugehen. Aber ich würde mich sehr freuen, wenn du dazu noch weitere und tiefergehende Ausführungen bereitstellen würdest. Das wäre sicherlich für einige User sehr interessant... :-).

Liebe Grüße

Roland

Profile picture for user Dr. Klaus-Dieter Bergmann
Makronist

Lieber Roland,

danke für Deinen Bildkommentar. Mit ein paar wenigen Sätzen will ich auch gerne auf die philosophischen Seite der Haiku Fotografie eingehen. Wie Du in deinem „how to“ richtig erwähnt hast, ist die Haiku Fotografie etwas sehr Spontanes. Der Großmeister der Haiku-Fotografie in Deutschland, Martin Timm, der einige Zeit in Japan war, hat mir auf einem Workshop erzählt, dass zwei Zen-Mönche, die sich des morgens erstmals begegnen, mit einem Haiku begrüßten.
Und so sollten wir es auch beim Fotografieren halten: wir gehen mit unserem Makro und offener Blende zum Beispiel zu einem Brombeerstrauch und schieben die Kamera langsam in das Astgewirrr. Sobald wir einem Motiv begegnen, lösen wir aus, danach wird nicht mehr korrigiert.
Dabei gibt es ein wichtiges Gestaltungsmerkmal, den Enzo Kreis. In der Philosophie des Zen Buddhismus stellt das Malen des Enzo einen Moment dar, in dem das Bewusstsein frei ist und Körper und Geist nicht in ihrem Schaffensprozess eingeschränkt werden. Beim Zeichnen eines Enzokreises mit einem Tusche-Pinsel gibt es keine Möglichkeit der Abänderung. Das Enzo zeigt den Zustand des Geistes im Moment des Erschaffens. Man macht ihn mit einem Tusche-Pinsel in einem Schwung und es ist nicht wichtig, ob er rund und vollkommen ist, so wie er ist, ist er. Das Schöne liegt in der Unvollkommenheit. Das ist Wabi-Sabi. Eine gänzlich andere Denk- und Empfindungart wie in der westlichen Welt. Wir richten unseren Blick immer auf das Schöne, in Fernost ist das Schöne aber das Unvollkommene. Beim Enzo Kreis ist auch nicht der Tusche-Kreis das entscheidende, sondern die Leere in dem Tusche-Kreis, das Mu. Das ist der Raum, in dem sich unsere Gedanken bewegen können. Das, was am Rande ist, ist unwichtig.

Deine Beispielbilder treffen sehr gut den Kern der Sache.

Und warum macht mir das Heiko fotografieren so viel Spaß? Es befreit !! Es ist nicht mehr wichtig, ob ich die neueste Kamera habe, das neueste Objektiv mit der perfekten Schärfe. Ich muss nicht zu den schönsten Plätzen der Welt reisen, die Motive sind vor der Haustür! Ich muss auch nicht daran denken, ob ich nicht doch bald wieder eine neue Kamera brauche, weil die Werbung uns das suggeriert. Mit meinem Equipment werde ich bis an mein seliges Ende Haiko fotografieren können und mir die Haikus zu Hause gerahmt an die Wand hängen.

Herzliche Grüße

Klaus-Dieter

Profile picture for user Roland

ADMIN

Hallo Klaus-Dieter,

vielen Dank für diese tiefergehenden Erläuterungen. Genau in der von dir beschriebenen Befreiung liegt der Kern dieser fernöstlichen Wahrnehmung. Ich finde den Ansatz, dies mit der Kamera "nachzuempfinden", sehr reizvoll. Und anscheinend bin ich da nicht alleine, das zeigt die große Resonanz auf unser kleines Haiku-Projekt zum Jahreswechsel. Ich denke, wir werden diesen Ansatz immer mal wieder hier bei Makrotreff aufgreifen.

Nochmals vielen Dank und

liebe Grüße

Roland

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