Porträt von der Zypressen-Wolfsmilch

Fotografiert mit Fuji XH1 und dem Carl Zeiss Jena 135 3.5 plus Nahlinse!

Eine unscheinbare Pflanze, aber im Herbst „explodieren“ die Farben.

Kommentare

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Hallo Gerhard57,

deine Aufnahme von der Wolfsmilch gefällt mir richtig gut. Diese Farben… ein regelrechtes Feuer wird hier entfacht. Auch die knappe Schärfe macht sich sehr gut dazu.

Viele Grüße 

SoWie

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ADMIN

Ein Objektiv-Grenzgänger...

Hallo Gerhard,

ein sehr farbenfrohes Foto. Zu farbenfroh? Die Zypressen-Wolfmilch verfärbt sich zwar stark, aber mir scheinen hier die Farben fast etwas zu kräftig auszufallen.

Was mich aber primär bewegt, ist etwas anderes:

Du hast das Foto mit dem interessanten Carl Zeiss Jena 3.5/135mm gemacht. Dieses Objektiv galt zu seiner Zeit bereits als ein kleines "Schärfewunder"; seine bis weit in die Bildecken ragende Schärfe wurde immer wieder herausgehoben.

Hinzu kommt die relativ weit geschlossene Offenblende 3.5. Physikalisch ist und war es deutlich einfacher, Objektive mit solch geringer Eingangsöffnung scharf zu konstruieren als ihre lichtstarken Kollegen.

Beides führt also unterm Strich zu einem sehr gut korrigierten, scharf abbildenden Objektiv.

Ist es das, was wir wollen? Ist es das, womit wir an modernen Sensoren gut "malen" können? Nein, denn das, was zu diesem "gemalten" Eindruck führt, sind in der Regel die aus heutiger Sicht optischen Unzulänglichkeiten, die "Fehler" der alten Objektive. Ich verweise hier auf meine entsprechenden und ausführlichen Erläuterungen in der MAKROFOTO Spezial – Vintage-Makrofotografie.

Das CZJ 3.5/135mm ist ein Objektiv, das schon fast einem Vergleich mit heutigen, modernen Objektiven standhält – hier aber dennoch sehr guten modernen Objektiven unterlegen ist, die viele Jahrzehnte weitere Entwicklung in sich vereinen. Dennoch ist seine optische Leistung tatsächlich sehr gut. Zu gut zum "Malen"? Natürlich lassen sich in bestimmten Situationen auch mit diesem Objektiv Eindrücke "wie gemalt" erreichen, aber es stößt aufgrund seiner relativ hohen Korrektur auch auf viele Grenzen.

Wie zeigt sich dies nun in Deinem Bild?

Das CZJ 3.5/135mm verfügt über eine sehr glatte Kontrastwiedergabe mit gering ausgeprägtem Rendering. Das zeigt sich im Bild oben deutlich in den Unschärfen; sie sind sehr soft, sehr stark beruhigt. Diese starke Konturenauflösung ist typisch für "gut korrigierte" Objektive und bei nahezu allen modernen Objektiven vergleichbar ausgebildet.
Dieser Aspekt wird nochmals verstärkt durch die Hinzunahme der Nahlinse und damit der deutlichen Vergrößerung des Abbildungsmaßstabs.
Hier macht sich allerdings dann auch eine andere Eigenheit dieses Objektivs bemerkbar. So weit aus dem für dieses Objektiv berechneten Optimalbereich herausgeführt in den Nahbereich (großer Abbildungsmaßstab!), leidet die Punktschärfe dann doch erheblich. Dies ist auf den Blattspitzen im Vordergrund deutlich sichtbar. Hier würde wiederum ein modernes, noch besser korrigiertes Objektiv vergleichsweise besser abschneiden.

Fazit:
Dieses Foto zeigt Abbildungscharakteristiken von modernen Objektiven, obwohl es mit einem älteren Objektiv aufgenommen wurde. Es ist eine Art Zeugnis eines Objektiv-Grenzgängers zwischen vintage und neu :-). Anders ausgedrückt: Vielleicht ist dieses Objektiv zu gut, um damit sehr gut malen, und zu schlecht, um mit guten modernen Objektiven mithalten zu können.

Übrigens: Es ist gar nicht so einfach, längerbrennweitige Vintage-Objektive mit einer geringeren Lichtstärke (so um die 3.5) zu finden, die hervorragende Maleigenschaften zeigen. Die gibt es ziemlich selten, und daran arbeite ich bereits seit einigen Jahren. Wenn man jedoch mal eins gefunden hat und auch gelernt hat, es richtig einzusetzen – also seine Maleigenschaften rauszukitzeln –, dann hat man was richtig Tolles in der Hand :-).

Alles, was ich nun hier geschrieben habe, ändert nichts daran, dass Dir ein sehr stimmungsvolles Foto gelungen ist. Das Licht, die (vielleicht etwas zu kräftig ausgefallenen) Farben und auch die Unschärfen sind sehr attraktiv.
Aber ich bin bei meiner Bildbesprechung ein wenig tiefer ins Detail gegangen, indem ich den Betrachtungsbogen weiter geschlagen habe. Ein Widerspruch? Nein, man kann tatsächlich durch ein weiter gespannten Betrachtungsbogen tiefer ins Detail gehen (grins). Das habe ich hier gemacht, ich hoffe, Du bist nun nicht verärgert. Denn es ist überhaupt nicht meine Absicht, Dir dieses oder irgendein anders Objektiv "madig" zu machen...

In diesem Sinne weiterhin "Gut Licht" 

Roland

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Makronist

Hallo Roland!

Wow, "erstmals Hut ab" vor deiner für mich sehr ausführlichen und voll nachvollziehbaren Beschreibung! Bezüglich des Objektivs bin ich voll bei dir. Ich habe mir darüber auch schon meine Gedanken gemacht. Und, von wegen verärgert - nein, mit Sicherheit nicht! Ich bin dankbar für deine Tipps und Verbesserungsvorschläge!

MAKROFOTO Spezial – Vintage-Makrofotografie - das Heft habe ich. Von daher kommt meine Begeisterung für dieses Thema.

Heute ist ein Meyer-Oreston bei mir eingetroffen, mit dem ich die nächsten Versuche starten werde. Außerdem könnt ich's mal mit dem Primoplan versuchen, vorausgesetzt es darf die "Neuauflage" dieses Objektivs sein.

Danke für deine Hilfe!

Ich wünsche dir einen schönen Advent und vor allem Gesundheit!

Liebe Grüße, Gerhard

 

 

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