Nieswurz – Blüte mit Heizung

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Nieswurz – Blüte mit Heizung

Sa., 03/02/2024 - 06:53
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Oder: Wie Biodiversität funktioniert.

In diesem Post berichte ich von einem Zusammenhang, der aufzeigt, wie faszinierend, aber auch wie komplex einzelne Aspekte biologischer Vielfalt miteinander verzahnt sind.
 

Stinkende Nieswurz (Helleborus foetidus) mit Blüten

Sony ILCE-7RM3; Tair 2.8/150mm; f/2.8; 1/800s; ISO 100
 

In hellen, halbschattigen Laubwäldern wächst eine heimische Pflanze namens Nieswurz (Helleborus foetidus). Dieser auch im Winter grüne, zu den Christrosen gehörende Halbstrauch fühlt sich auch in kalkhaltigen Gärten wohl.

Das Besondere: Die Nieswurz blüht bereits in den letzten kalten Wochen des Winters – kurz bevor Schneeglöckchen, Krokus und Co ihre Blüten öffnen.
 

Stinkende Nieswurz mit Blüten

Sony ILCE-7RM3; Kino Plasmat 1.5/50mm; f/1.5; 1/400s; ISO 100
 

 In der Kälte dieser frühen Wochen erscheinen mit den ersten warmen Sonnenstrahlen auch bereits die ersten Fluginsekten – meist Hummeln und Pelzbienen. Um möglichst sicher von diesen wenigen Insekten gefunden und bestäubt zu werden, bietet die Nieswurz ihnen einen tollen Service: Sie beheizt ihre becherförmigen Blüten – ein für die wilden Bienen (zu ihnen gehören auch die Hummeln) unwiderstehliches Angebot in der insgesamt recht kalten Winterluft. Klar, ich setze mich im Februar auch lieber in ein beheiztes Café als in ein unbeheiztes 😄.

Und so scheinen es auch die Hummeln und Pelzbienen zu sehen. Denn an Nieswurzblüten treffe ich meist deutlich mehr dieser flauschig-pelzigen Insekten beim Naschen als an anderen Blüten in deren Nachbarschaft, beispielsweise an ersten Primel- oder Krokussblüten.

 


Hummel beim Naschen in beheizter Nieswurzblüte

Olympus OM-D E-M1 Mark II; Olympus Zuiko 2.8/60mm Macro; f/7.1; 1/100s; ISO 400
 

Ein raffinierter Trick! Aber wie macht die Nieswurz das?

In der Blüte befindliche Hefepilze wandeln einen Teil des Nektars in Wärme um, indem sie Zucker vergären. So kann die Temperatur in der Blüte bis zu vier Grad kuscheliger sein als in der Umgebung. Weiterer Nebeneffekt: Durch die Wärme verbreitet sich der wohlriechende Blütenduft stärker in der Umgebung und weist den pelzigen Fliegern schon aus größerer Entfernung den direkten Weg zur beheizten Schlemmerstube.

Mit dem Bestäuben haben es die Nieswurzen tatsächlich eilig. Denn im April beginnt mit dem Erscheinen der Ameisen deren Hauptsammelzeit; nach den langen Wintermonaten im Bodennest tragen sie nun möglichst viel Futter in ihr Nest – wozu auch die Nieswurz-Samen gehören. Bis dahin müssen diese also reif sein.
 

Stinkende Nieswurz mit Blüten

Sony ILCE-7RM3; Wollensak Oscillo-Raptar 1.9/75mm; f/1.9; 1/500s; ISO 100
 

Auch hier sind Nieswurzen sehr trickreich. Um die Ameisen als Transporteure für ihre Samen zu gewinnen, hängen sie jedem Samenkorn ein nahrhaftes "Leckerli" an – eine Anhängsel, bestehend aus Zucker, Fetten und – Vitamin C! Die Ameisen transportieren den Samen samt Power-Snack in ihren Bau, trennen dort den Anhang vom Samen und tragen letzteren wieder aus dem Nest heraus. Dort, wo er dann fallen gelassen wird, keimt eine neue Nieswurz.
 

Stinkende Nieswurz mit Blüten

Sony ILCE-7M2; Ross Cine Lens 1.9/25mm; f/1.9; 1/1000s; ISO 50
 

Bei dem Beispiel der Beziehung zwischen der Nieswurz, den Wildbienen und den Ameisen – Biologen sprechen von Tier-Pflanzen-Interaktionen – wird in Ansätzen deutlich, wie komplex Abhängigkeiten in der Natur sind. Solche Interaktionen sind tragende Bestandteile von Ökosystemen und damit entscheidend für die biologische Vielfalt (Biodiversität).

Roland Günter ist Betreiber von Makrotreff und Chefredakteur von MAKROFOTO. Der Dipl. Forst-Ingenieur betreibt die Makrofotografie hauptberuflich und verwaltet ein umfangreiches biologisch-wissenschaftliches Bildarchiv.

Der Kern seiner Arbeit liegt in der Dokumentation biologischer Vielfalt. Zu diesem Themenkomplex werden seit vielen Jahren seine Fotos und Reportagen im In- und Ausland in vielen gängigen Zeitschriften und Buchproduktionen publiziert.

Einen weiteren Schwerpunkt seiner Tätigkeit bildet die von ihm auf professionelles Niveau gehobene künstlerisch-kreative Vintage-Makrofotografie – also die Fotografie mit alten Objektiven an modernen Sensoren. Unter anderem hat er den einzigartigen Multivisions-Vortrag Fotografie mit Flair – Malen mit der Kamera konzipiert und neben anderen Events bei den Internationalen Fürstenfelder Naturfototagen vor großem Publikum gehalten.

Kommentare

Profile picture for user Gast
Erstellt von Birgit Heymer (nicht überprüft) on Sa., 03/02/2024 - 17:29 Permalink

Hallo Roland,

wie schön! Deine Nieswurzbilder sind ein echter Augenschmaus und die Infos dazu versetzen mich (mal wieder) in Erstaunen. Vielen Dank dafür.

Herzliche Grüße von

Birgit 

Profile picture for user Kurt.s
Makronist

Hallo Roland,

ich bin hier ja eher ein stiller Genießer der schönen Makrobilder,

aber auch von euren tollen Reportagen und hier mal ganz besonders über die Nieswurz. 

Habe selber auch eine große Zuneigung zu dieser erstaunlich schönen Wildpflanze.

Sie blüht in unserer Naturschutzgrube jedes Jahr, es ist erstaunlich da sonst die Natur ja fast noch ausnahmslos schläft.

Nun hast du über ihr Leben so viel an Neuem auch für mich hier gepostet. 

Noch ein Grund mehr, diese schöne Pflanze mit den neuen Eindrücken noch intensiver zu bewundern. 

Dir dafür mein herzliches "Dankeschön".

Liebe Grüße

Kurt

Profile picture for user Roland

ADMIN

Hallo Kurt,

das klingt ja richtig klasse, was Du da beschreibst: Nieswurz in der Naturschutzgrube. Die früh fliegenden Insekten werden sich freuen :-)

Und mich freut es, dass Dir dieser kleine Post über diese interessante Pflanze so gut gefällt :-). Danke für das tolle Feedback.

Liebe Grüße
Roland 

Profile picture for user IngaEdel
Makronist

Hallo Roland,

wieder ein ganz toller Bericht mit fantastischen Fotos. Die Nieswurz finde ich nicht ganz so leicht zu fotographieren, sie zeichnet sich eher durch eine stille Schönheit aus und man muss sich bemühen ihr Nahe zu kommen, da sie einem ja nicht so direkt in die Augen schaut. Ich werde sie in Zukunft mit anderen Augen sehen und vielleicht mehr meine termalen Fühler aktivieren ;-)

Liebe Grüße

Inga

Profile picture for user Wolfgang Zeiselmair

MOD

Grüß Dich Roland,

super informativ, Dein Artikel. Man lernt einfach nie aus. Da bei mir im Altbau eine Wärmepumpe nicht funktioniert, kommen jetzt jede Menge Nieswurz auf die Fensterbank *lach*.

Servus
Wolfgang

Profile picture for user Roland

ADMIN

Hallo Wolfgang,

jetzt, wo ich weiß, dass ich Dich vor dem sicheren Kältetod bewahrt habe, geht es mir noch besser als vorher... :-).

Übrigens: Die höheren Temperaturen im Inneren der Blüte führen auch zu einer schnelleren Reife der Pollen – ein weiterer Vorteil der Heizung. Vielleicht beschleunigen ein Haufen Nieswurzen bei Dir im Altbau auch irgendetwas :-)?!

Liebe Grüße
Roland 

Profile picture for user Wolffslicht
Makronist

Hallo Roland,

wie immer großartige Bilder und super dargereichte Infos! Von den Schneeglöckchen wusste ich das mit der eingebauten Heizung. Die Nieswurz - muss ich ehrlich sein- kannte ich nur vom Namen.

lg

wolffslicht

Profile picture for user Roland

ADMIN

Hallo wolffslicht,

ja, Schneeglöckchen können ebenfalls "heizen", aber hier funktioniert das ganz anders und hat auch eine andere Wirkung.
In den unterirdischen Zwiebeln haben sie Kohlenhydrate gespeichert – Energiereserven für das bevorstehende Wachstum. Sobald sich draußen das Frühjahr nähert, werden diese Kohlenhydrate teilweise "verbrannt". Das unmittelbare (Boden-)Umfeld der Zwiebel erwärmt sich auf diese Weise um bis zu 10 Grad Celsius – eine wirkungsvolle Starthilfe für die Zwiebel, mit dem (frühen) Wachstum zu beginnen. Anders ausgedrückt: Durch diesen Vorteil hat das Schneeglöckchen gegenüber anderen Frühblühern 10 Grad Wachstumsvorsprung :-).

Übrigens: Die unterirdische Heizung verrät sich dadurch, dass sie den Schnee unmittelbar um die aus dem Boden sprießenden Schneeglöckchen-Sprosse auftaut. Bei Schneelage sind die kreisrunden aufgetauten Bodenflächen sehr auffällig.

Liebe Grüße
Roland

Profile picture for user Erich Müller

Hallo Roland,

man lernt nicht aus. Und das ist ja auch schön, dass man immer wieder was neues dazulernt. Wie in Deinem Post hier, über die Nieswurz, ich glaube, dass ich sie noch nicht (bewusst) gesehen habe, aber was nicht ist kann ja noch werden.
Leider macht unsere Blumeninsel in der Kasseler Aue erst im April wieder ihre Tore auf, ob die Pflanze da noch blüht?
Umso schöner ist also Deine sehr interessante WortBildBeschreibung. Die Wunderschönen Bildgemälde, der hochinteressante Text....
Du weißt dass ich einer der Ersten wäre der ein Buch von Dir in den Händen hält, so Du denn eins schreiben würdest :)) Obwohl, ich habe ja schon eins, den wunderschönen Bildband, der nicht im Handel zu bekommen ist, oder gibt`s den Mittlerweile?

So und nun schaue ich mir Deine hervorragenden Bilder an und Träume mich in sie hinein.

Liebe Grüße

Erich

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