Schärfepunkt - Schärfeebene - Schärfentiefe - Tiefenschärfe

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Schärfepunkt - Schärfeebene - Schärfentiefe - Tiefenschärfe

Di, 08/08/2017 - 09:47
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Eine kleine Abgrenzung dieser etwas verwirrenden, aber wichtigen Begriffe - unter besonderer Berücksichtigung der Makronisten-Sicht.

Die vier Begriffe mit der "...Schärfe..." spielen in der Fotografie allgemein - und natürlich auch bei der Makrofotografie - eine sehr wichtige Rolle. Grund genug für uns, hier bei Makrotreff eine feine und auf die Praxis der Makrofotografie abgestimmte Differenzierung vorzunehmen, die etwas Licht in die "Unschärfen" zahlreicher verbreiteter Beschreibungen bringen soll.


Wenn Du einen Schmetterling fotografierst, wirst Du in der Regel auf sein Auge scharf stellen - das ist der Schärfepunkt. Der Schärfepunkt ist also exakt der Punkt, auf den Du scharf stellst - anders ausgedrückt, auf den Du die Schärfe punktgenau legst.

Befindet sich genau neben dem Falterauge eine kleine Blüte, die ebenfalls voll vom Schärfepunkt getroffen wurde, liegt diese in der gleichen Schärfeebene. Also alles, was sich exakt im rechten Winkel zur optischen Achse (also genau zur Blickrichtung des Makronisten in gleichem Abstand zum Sensor befindet, ist scharf (wird vom Schärfepunkt getroffen) und liegt damit in dieser Schärfeebene.

Zurück zum Falterauge: Nun ist aber nicht nur genau dieser Punkt scharf, sondern auch ein Bereich davor und dahinter. Und dieser gesamte Bereich ist die Schärfentiefe.

Die Schärfentiefe ist veränderbar. Einer von vielen Faktoren, die sie in ihrer Tiefe verändern, ist die eingestellte Blende:

  • offene Blende (kleine Blendenzahl) ergibt geringe Schärfentiefe
  • geschlossene Blende (hohe Blendenzahl) ergibt größere Schärfentiefe

Wir schauen uns das Ganze an folgender Graphik an:

Grafik Schärfetiefe

Du siehst ganz links die Kamera mit Optik. Die gestrichelte Linie, die vom Objektiv ausgehend exakt gerade nach rechts verläuft, ist die optische Achse. Auf ihr liegt der Schärfepunkt (das "Falterauge"), auf den Du exakt scharf stellst. Und der grün markierte Bereich ist die Schärfentiefe - also alles das, was dann tatsächlich auf dem Foto anschließend scharf ist. Wie gesagt, wird die Tiefe dieses Bereichs unter anderem von der Einstellung der Blende beeinflusst.

Außerhalb der Schärfentiefe ist alles unscharf - und zwar zunehmend mit zunehmender Entfernung von der Schärfentiefe. In der Regel spielt dies eine große Rolle für den Bereich hinter dem Hauptmotiv. Und um den Grad dieser Unschärfe zu beschreiben, benutzt man den letzten Begriff, der das Wort "Schärfe" enthält: die Tiefenschärfe. Lange Brennweiten neigen, je nach Blende, eher zu einem sehr unscharfen und damit beruhigten Hintergrund - also zu einer geringen Tiefenschärfe. Weitwinkel-Brennweiten hingegen bilden mit einer deutlich höheren Tiefenschärfe ab.

Das Wechselspiel sämtlicher Schärfen und Unschärfen muss vom Fotografen (insbesondere natürlich auch vom Makronisten - grins) stets berücksichtigt werden. Besser formuliert: darf berücksichtig werden. Denn genau in diesem Wechselspiel von Schärfe und Unschärfe liegt einer der größten Gestaltungs-Hebel seitens des Fotografen/Makronisten. Es stellt ein riesiges Tor zur kreativen Entfaltung dar.

Nun wirkt das oben in der Graphik Dargestellte aus Makrosicht etwas übertrieben. Tatsächlich ist die Schärfentiefe im Makrobereich im Verhältnis deutlich geringer als oben gezeichnet - selbst bei völlig geschlossener Blende. Also: Experimentiere damit. Das ist ein Schlüssel (neben weiteren) zum glücklichen Fotografieren!  


Wie wir oben sehen, stellt die Schärfentiefe einen Bereich von-bis dar, in dem irgendwo der eigentliche Schärfepunkt liegt. Dies hat für die fotografische Praxis eine wichtige Auswirkung, denn es geht um nichts weniger als


die größtmögliche Ausnutzung der Schärfentiefe - ohne die Blende zu verändern.

Will man die komplette Schärfentiefe ausnutzen, legt man den Schärfepunkt nicht auf den vordersten Bereich eines Motivs, sprich auf den Bereich des Motivs, der am nächsten zur Kamera liegt, sondern (kurz) dahinter. Dadurch wird der gesamte Bereich der Schärfentiefe genutzt. Es wird die relativ (= in Abhängigkeit zur jeweiligen Blende) größtmögliche Schärfentiefe sichbar realisiert. Da die Schärfentiefe - wie bereits beschrieben - unter anderem von der Wahl der Blende abhängt, ist es genauso von der eingestellten Blende abhängig, wie weit ich den Schärfepunkt hinter denjenigen Punkt lege, den ich in jedem Fall scharf bekommen möchte (z.B. das Falterauge).

Und nun kommt noch eine wichtige Besonderheit für Makronisten hinzu:

Während in der Regel die Verteilung der Schärfe, wie in der obigen Graphik gezeigt, vor und hinter dem Schärfepunkt 1/3 zu 2/3 beträgt, liegt der Schärfepunkt in der Makrofotografie so ziemlich genau in der Mitte der Schärfentiefe. Das Verhältnis ist also nicht 1/3 vor und 2/3 hinter dem Punkt, sondern 1/2 zu 1/2.
 

Was bedeutet das nun für die Praxis?

Sicherlich gibt es Experten, die in Abhängigkeit zur eingesetzten Blende und Brennweite exakt die jeweilige Schärfezone vor dem eigentlichen Schärfepunkt berechnen und dann bei der Aufnahme die Positionierung der Kamera zum Motiv entsprechend ausmessen - mit dem Ergebnis, dass sie das beste Ergebnis erzielen.

Ich bin da mehr Pragmatiker, schließlich möchte ich eine Blume noch vor ihrem Verblühen fotografieren :-). Es wird also in der Praxis darauf rauslaufen, zunächst einmal den eigentlichen Schärfepunkt, sprich dasjenige im Motiv, festzulegen, auf den es am meisten ankommt - beim Falterbeispiel sein Auge, oder beispielsweise bei einer Blütendolde eventuell die vorderste Blüte. Und nun verschiebe ich den tatsächlichen Schärfepunkt geringfügig nach hinten und lege ihn damit knapp hinter die Einzelblüte - um beim Blumenbeispiel zu bleiben. Damit "verschenke" ich nicht den vorderen Schärfebereich innerhalb der Schärfentiefe dadurch, dass der Luftraum vor der Blüte scharf wiedergegeben wird :-).

Wie knapp hier das Knapp beim knappen Verschieben nach hinten ist, das ist dann ein wenig Erfahrungssache und hängt natürlich auch von der eingestellten Blende ab: bei geschlossener Blende ein klein wenig mehr, bei mittlerer Blende entsprechend weniger, bei völlig offener Blende eigentlich überhaupt nicht mehr - wenn ein Makroobjektiv im stärkerem Vergrößerungsbereich eingesetzt wird, da hier bei Offenblende die Schärfentiefe ohnehin extrem gering ist.

Das bedarf alles ein wenig Übung. Achtet man auf diese Feinheiten, bekommt man allerdings mit der Zeit ein Gefühl für die Ausdehnung der Schärfentiefe je Blende und Brennweite. Es lohnt sich!

In diesem Sinne wünsche ich allen Makronisten jederzeit die bestmögliche Ausnutzung ihrer Schärfentiefe.

Roland Günter
 

Weiterführende Artikel zu diesem Thema hier auf Makrotreff:

Die optimale Blende in der Makrofotografie  -  von Valentin Gutekunst

Die Schärfenebene in der Makrofotografie  -  von Roland Günter

Roland Günter ist Betreiber von Makrotreff und Herausgeber von Makrofoto. Der Dipl. Forst-Ingenieur betreibt die Makrofotografie hauptberuflich und verwaltet ein umfangreiches biologisch-wissenschaftliches Bildarchiv.

Der Kern seiner Arbeit liegt in der Dokumentation biologischer Vielfalt. Zu diesem Themenkomplex werden seit vielen Jahren seine Fotos und Reportagen im In- und Ausland in vielen gängigen Zeitschriften und Buchproduktionen publiziert.

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