Haiku – freier Fall

Im Winter haben unsere Laubbäume ihre Blätter abgeworfen; ihre Äste sind kahl. Dies trifft nicht ganz auf die Hainbuche zu. Ihre Blätter verfärben sich im Herbst zwar auch braun, viele von ihnen bleiben aber noch längere Zeit am Ast hängen. Insbesondere in der Zeit ab dem Jahreswechsel fallen dann immer wieder einzelne Blätter vom Baum ab, weil sie von den in den Blattachseln langsam hochwachsenden neuen Knospen aus ihrer "Halterung" herausgeschoben werden. So fallen dann vor allem in den Monaten Januar bis März immer wieder einzelne Blätter vom Baum – ein ganz normaler, unauffälliger Vorgang.

Nun stand ich gestern im Wald vor einer Hainbuche und schaute zu, wie immer wieder mal ein Blatt hinunterfiel. Dabei kam mir die Redewendung vom umfallenden Reissack in den Sinn: "..., als würde in China ein Sack Reis umfallen". Es handelt sich um eine Metapher, die die Belanglosigkeit einer bestimmten Situation oder eines bestimmten Vorgangs beschreibt. Es wird scherzhaft-abfällig zum Ausdruck gebracht, wie bedeutungslos, wie irrelevant etwas eingewertet wird – eben ähnlich irrelevant, als wenn in dem riesigen Land China irgendwo ein Sack Reis umfällt.

Ein im Wald herunterfallendes Hainbuchenblatt ist für das Weltgeschehen wohl ebenso belanglos wie ein in China umfallender Reissack. Diese Beliebigkeit, diese Irrelevanz ist perfekt geeignet für eine Haiku-Betrachtung! Die 1/2500 Sekunde der offenen Blende des Taika Harigon 1.2/58mm Objektivs hielt den flüchtigen Moment des freien Blatt-Falls für einen Moment fest.

Haiku-Gedicht

Freies Blatt im Raum

In Kälte dem Boden nah –

Des Frühlings Atem


Liebe Grüße
Roland

Kommentare

Profile picture for user Claude Perret
Erstellt von Birgit Heymer (nicht überprüft) on Mi., 07/01/2026 - 20:24 Permalink

Hallo Roland,

da warst du ja gerade zur richtigen Zeit an der richtige Stelle. Super getroffen, ich spüre es förmlich langsam hinabsegeln, ein wenig erleuchtet vor dem bunten Hintergrund. 

Liebe Grüße von

Birgit  

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ADMIN

Hallo Birgit,

ja, ich bin mit einigen fallenden Blättern "mitgezogen" – und dieses Foto hier trifft die Situation am besten. Und wenn du beim Betrachten das Herabsegeln des Blattes spürst, dann ist das ganz im Sinne von Haiku :-).

Danke für dein Feedback und

liebe Grüße
Roland

Profile picture for user Ecki
Makronist

Hallo Roland, nun kommt zu deiner Expertise auch noch das Glück des Fotografen als Belohnung für die Geduld hinzu. Eine perfekte Mischung! Danke für dieses Foto. Liebe Grüße Ecki

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ADMIN

Hallo Ecki,

freut mich, dass dir das Bild gefällt.

Bei diesem Foto spielt weniger das Glück eine Rolle. Ich habe gezielt ein fallendes Blatt fotografiert. Das funktioniert zwar nicht unbedingt beim ersten Mal, aber wenn man es öfter macht, hat man dann doch relativ sicher einen oder mehrere Treffer :-).

Liebe Grüße

Roland

Profile picture for user Jana
Makronist

Hallo Roland,

das sieht total schön aus mit dem pastelligen und toll strukturierten Hintergrund. Ohne deine Beschreibung hätte ich das vom Bildaufbau her als "normales Vintage" eingeordnet, was mir ausgesprochen gut gefällt.

Liebe Grüße, Jana

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ADMIN

Hallo Jana,

Haiku-Fotos können Vintage-Aspekte haben – und umgekehrt. Der Haiku-Aspekt diese Fotos hier ist die Flüchtigkeit des herabfallenden Blattes. Dies ist ein Vorgang, der millionen und abermillionen Mal in einem Wald stattfindet, nur kurz andauert und an sich völlig unspektakulär und "unbesonders" ist. Ein Blatt im freien Fall im freien Raum. Ein Haiku...

Liebe Grüße

Roland

Profile picture for user Trixalo
Makronist

Wow, Roland. Da zeigst du wieder eine tolle Aufnahme. 

Ein fallendes Blatt vor einem so wunderbaren Hintergrund und dann noch ein leichtes Durchlicht, super. Bin begeistert.

Technisch stelle ich mir das aber wieder nicht ganz einfach vor, jedes Blatt "fällt" anders und dabei den Schärfepunkt erwischen mit dieser knappen Blende. 

Viele Grüße Kristin

 

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ADMIN

Hallo Kristin,

schön, dass dir das Foto gefällt. Seine Erstellung war eine ganz andere Haiku-Erfahrung :-).

Hier ein paar Infos zum Making-Off:

Ich habe zunächst einmal mehrere Hainbuchen beobachtet und geschaut, wo immer wieder mal mit einem herunterfallenden Blatt zu rechnen und gleichzeitig ein attraktiver Hintergrund vorhanden ist. Dort habe ich mich dann postiert. Das Objektiv habe ich auf den Abbildungsmaßstab eingestellt, den ich mir vorgestellt habe. Anschließend habe ich mir die Entfernung eingeprägt, in der in etwa das Blatt vor dem Objektiv sein muss, damit es im Bereich der schmalen Schärfeebene ist.

Sobald nun wieder ein Blatt herunterfiel, bin ich mit der Kamera in der vorher eingeprägten Entfernung "mitgezogen", dabei habe ich mit schneller Serienbildfunktion ausgelöst – also Dauerfeuer gegeben :-). Nachdem ich das ein paar Mal gemacht hatte, waren einige Treffer dabei. Einen siehst du hier.

Liebe Grüße
Roland 

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