Vorsicht, Widerhaken!

Jetzt wage ich es auch mal, mich euren wertvollen Tipps auszusetzen :-)

Kommentare

Profile picture for user Mandi

Ciao Inga

Dein Bild (grosses Ochsenauge?) find ich einfach wunderbar! Und dies aus vielerlei Gründen:

  • Der Titel trifft die Situation - ich bin der mit dem Geschichten-Tick in diesem Forum ;-) - der verletzliche Falter trifft auf einen stacheligen Nektarspender (Gartendistel?), was die Verleztlichkeit des Falters stark betont. Die sehr schön ins Bild gesetzten Widerhaken wirken äusserst bedrohlich. Ebenso setzt das Bild diesen Widerhaken die Eleganz des Falters gegenüber. Zudem hast du den Falter direkt bei der Nahrungsaufnahme erwischt; wieso sollte er sich sonst auf diesem stacheligen Ding aufhalten?
  • Die Aufnahmeebene stimmt für mich (bin aber kein Profi) perfekt, schön parallel zur Hauptachse: Die Härchen sind vom Kopf bis zu den Flügelenden scharf.
  • Die Komposition ist sehr gelungen: Der Falter hat vor sich mehr Raum als hinter sich, dieser ist schön gefüllt mit weiteren Blüten, nach oben bleibt viel Raum (für einige vielleicht zu viel), aber es ist der Fluchtraum des Falters, er könnte jederzeit abheben, weg von den Stacheln hinein in sein Element. Wenn man mäkeln darf: hinten (=links) etwas abschneiden, vorne (rechts) etwas zugeben, demit die 3. Blüte nicht abgeschnitten wird. Dies alles im vor Ort beim Fotografieren gleich noch mitzudenken krieg ich selber meist auch nicht perfekt hin).
  • Das Boukeh ist für mich einfach wunderbar: Super freigestelltes Motiv (grosse Blendenöffnung! Bedeutet aber auch Herausforderung für die Schärfe), hinter dem Kopf die hellste Stelle, Abdunklung gegen die Ränder (Vignettierung durch das Objektiv? Vignettierung in der Bearbeitung?). Auch hier mäkeln auf hohem Niveau: Das Bild könnte für mich einen Tick heller sein.
  • Eine Frage bleibt: Was alles verdankt das Bild der (natürlich legitimen) Nachbearbeitung? Beschnitt? Vignettierung? Schärfung? ...

Fazit: Ich würde diese Bild sofort gross an die Wand hängen, für mich ist es äussertst gelungen. Vielleicht finde ich das Bild auch derart gut, weil ich vor ein paar Tagen frühmorgens selber auf einer "Ochsenaugen-Wiese" unterwegs war und keine derart schöne Kopmposition vorfand (siehe mein Bild, das zwar für mich einigermassen gelungen ist, aber eben kein Geschichte beinhaltet und im Gegensatz zu deinem so ziemlich "normal" daher kommt).

Bin nun gespannt auf die Kommentare der Profis auf dein Bild ... und natürlich auf weitere Bilder von dir

Mandi

Profile picture for user IngaEdel
ADMIN

Hallo Mandi,

ganz herzlichen Dank für Dein ausführliches Feedback, das ich in allen Punkten nachvollziehbar finden. Auch Deine Bildinterpretation hat mir sehr gut gefallen. Ich finde Bilder mit einer Geschichte auch klasse :-)

ich habe mir das Original nochmals angeschaut. Beschnitten hatte ich nichts, aber aufgehellt, da das Bild recht dunkel war. Geschärft habe ich und auch eine Vignette eingefügt.

Herzliche Grüße

IngaEdel

 

Profile picture for user Roland

ADMIN

Hallo IngaEdel,

herzlich willkommen bei Makrotreff!

Jawohl, das dürfte das Große Ochsenauge (Maniola jurtina) sein - und ein erstklassiges Einstandsbild!

Was ist herausragend?

Schärfe, Perspektive, Negativraum, Bokeh, Brillanz, Farbe, Belichtung, Einstellwerte der Kamera

Was ist - mit super spitzer Pinzette gepopelt - fast herausragend?

Ausschnitt:
Etwas schade ist, wie Mandi oben schon schreibt, dass die rechte Distelblüte leicht angeschnitten ist - die Betonung liegt auf leicht. Denn damit gibt es neben der von Mandi angesprochenen Lösung, die ja nur während der Aufnahme selbst zu realisieren ist (falls dieses Bild hier nicht beschnitten wurde), eine weitere Möglichkeit einer kleinen Verbesserung: Beschneide das Foto nachträglich etwas rechts und oben, und zwar so viel, dass die rechte Blüte stärker abgeschnitten wird als es jetzt der Fall ist (etwa bis kapp zur Mitte der lila Blütenblätter). Definiere damit nur die beiden übrigen Blüten (die linke und die mittlere) als Sub-Hauptmotiv - erkenntlich daran, dass die rechte Blüte deutlich von Dir abgeschnitten wird - denn leicht unscharf ist sie schon, dann wird für den Betrachter Deine Zielsetzung eindeutig. Denn das ist sie jetzt nicht. So, wie das Foto oben ist, sieht es so aus, als wäre die Blüte rechts leider nicht mehr mit auf dem Foto. Das kannst Du ändern.

Aber: Mit meinem vorgeschlagenen Beschnitt veränderst Du den hellgrünen "Aura-Schein" des Bokehs. Und das musst Du Dir sehr gut überlegen! Denn: Dieser Aura-Schein ist das herausragendste und gestalterischste Element in Deinem Bild! Von ihm geht annähernd die gesamte fantastische Bildwirkung aus. Stelle Dir das Foto ohne ihn vor, z.B. nur mit einem hell-beigen Hintergrund. Das Foto wäre super einfach.
Wenn Du aber nur so wenig beschneidest wie ich oben geschrieben habe, könnte es dennoch vielleicht zu einer kleinen Verbesserung führen. Das solltest Du ausprobieren - und dann selbst beurteilen. 

Eben wegen der herausragenden Bedeutung dieses Aura-Scheins ist für mich auch die Belichtung perfekt: ganz leicht nach unten gezogen, sodass der hellgrüne Aura-Schein auch gut leuchtet. Jegliche Aufhellung wird das Leuchten abschwächen.

Deshalb nochmals: Was ich hier schreibe, ist - auch wenn es viel, ja zu viel Platz für wenn und aber bei diesem Bild - einnimmt, mit extrem spitzer Pinzette gepopelt. Was bleibt ist

ein super tolles Foto. GRATULATION!


Ich möchte noch auf eine weitere Besonderheit bei diesem Bild eingehen:

Du hast dieses Foto mit dem ISO-Wert 500 erstellt - und damit bei Blende 3,2 eine 1/640 Sekunde Verschlusszeit erreicht.
Der ISO-Wert ist verhältnismäßig hoch, insbesondere für das mFT-Sensor-Format. Und trotzdem: In diesem Fall war dieser Schritt von Dir einer der vielen richtigen, die Du gemacht hast. Mit der 1/640 Sek. konntest Du eine Verwacklung durch Dich oder den Falter ausschließen (der Falter bewegt sich schließlich!). Und seitens der Blende war ja nun nicht mehr viel Luft nach unten. Läge eine Verwacklung vor, wäre das Foto mit all seinem Potential für die Tonne.

Und nun kommt das Entscheidende: Weil eben die Schärfe voll sitzt, die Schärfenebene perfekt ausgerichtet ist und die Belichtung ebenfalls hervorragend passt, rauscht das Foto kaum, ist anstatt dessen sogar äußerst brillant. Hier wirkt nun die Vollständigkeit der Qualitätskette: korrekte Kameraeinstellungen, Vermeidung von Verwacklung, Verwendung hervorragender Optik, perfekt in Szene gesetztes Motiv. Jetzt hat ein moderner Sensor die Chance, seine Qualität zu zeigen!

Dieses Foto ist für diese Feststellung ein gutes und wichtiges Beispiel. Die Warnungen vor erhöhten ISO-Werten und ihren angeblichen Folgen überschlagen sich förmlich im Netz und an Verkaufsläden. Hier wird übersehen, was die heutigen Sensoren zu leisten im Stande sind. Entscheidend allerdings dabei ist, dass das Foto ansonsten mit fotografischem Verstand gemacht wird. Denn: Ein an sich schon schlechtes Foto wird natürlich mit steigendem ISO-Wert nicht gerade besser, das ist dann schon richtig :-).

In diesem Sinne weiterhin "Gut Licht",

Roland

 

 

Profile picture for user IngaEdel
ADMIN

 

 

 

Hallo Roland,

bei so viel Lob werde ich ja ganz rot ...

Das freut mich natürlich sehr und motiviert mich, gleich wieder auf Jagd zu gehen. Du siehst, Deine toller Workshop zeigt Früchte und natürlich hatte der Zufall bei dem Bild auch seine Finger im Spiel ;-)

Das Bild zu beschneiden hat mir nicht gefallen, in der Tat wird der Aura-Schein dadurch beeinträchtigt. Ich habe stattdessen die Spraydose  bemüht und die rechte Blüte etwas verhüllt.

Liebe Grüße

IngaEdel

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ADMIN

Hallo IngaEdel,

geschickt gelöst! Kann man durchaus machen.

Freut mich, dass Dir der Workshop so gut gefallen und viel gebracht hat. Mir hat´s auch ´ne Menge Freude bereitet, mit Euch zu arbeiten :-).

Das mit dem Zufall ist so ´ne Sache. Man hört oft: "Boa äh, das war aber ein Zufall! Da haste aber Glück gehabt!"

Ganz so einfach ist das nicht. Erstens gehört eine gehörige Portion Fähigkeit dazu, Zufälle auch als solche zu erkennen und erfolgreich zu nutzen. Zum anderen gilt hier das Prinzip des Fleißigen: Wer viel (draußen) rumläuft, dem beschert das Leben auch viele Zufälle. Wie die dann jeweils aussehen, das ist dann tatsächlich Zufall.

Liebe Grüße,

Roland

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