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BAD NEWS: Insektensterben! - Offener Brief

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BAD NEWS: Insektensterben! - Offener Brief

Di, 07/02/2017 - 22:19
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Nichts für schwache Nerven! Wer so etwas nicht verknusen kann, sollte jetzt nicht weiterlesen. Hier kommen bad news. Es geht um das drastisch fortschreitende Insektensterben. Die gute Nachricht: Es gibt immer mehr Menschen, die dies bemerken, nicht tolerieren und sich klar positionieren.

Vor wenigen Wochen formulierten zahlreiche anerkannte und unabhängige Wissenschaftler einen offenen Brief an den Ministerpräsidenten des Bundeslandes Baden-Württemberg, Herrn Winfried Kretschmann. Lesen lohnt sich - trotz bad news!

Weitere, über diesen Offenen Brief hinausgehende Informationen: siehe unten im Anschluss an den Brief

 

Insektensterben: Offener Brief an den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg

sowie an die zuständigen Minister der Landesregierung
aus Anlass des drastischen Rückgangs unserer Insektenpopulationen


Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrter Herr Minister Hauk, sehr geehrter Herr Minister Untersteller,

wir haben mit Freude gehört, wie Sie, Herr Ministerpräsident, anlässlich des Parteitages der Grünen in Schwäbisch Gmünd am 19. November so engagierte und deutliche Worte zum Thema „Insektensterben“ gefunden haben. Dieses Problem war vor einigen Monaten in den Medien präsenter, mittlerweile ist es um das Thema wieder ziemlich still geworden. Es kann aber keinen Zweifel geben, dass das „Insektensterben“ von großer Tragweite ist, für die Landwirtschaft, für die Ökosysteme und die Biodiversität in unserem Land, und nicht zuletzt für uns alle, die sich einen Frühling ohne Schmetterlinge nicht vorstellen können.

Als mit der Tierwelt unserer Heimat vertraute Naturinteressierte und Fachentomologen registrieren auch wir seit einigen Jahren mit Sorge einen auffälligen Rückgang von Insekten und insektenfressenden Wirbeltieren in Südwestdeutschland. Wir nehmen daher die im Januar 2017 bei der EU-Kommission bevorstehende Prüfung der Wiederzulassung der drei Neonikotinoid-Insektizide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam zum Anlass, uns mit der Bitte an Sie und an die zuständigen Minister zu wenden, sich im Rahmen Ihrer politischen Möglichkeiten gegen die Wiederzulassung dieser Stoffe einzusetzen. Aus Sicht zahlreicher kompetenter Wissenschaftler sind die zuvor genannten Insektizide ein wesentlicher Grund für den derzeitigen alarmierenden, ja beängstigenden Rückgang vieler Insektenarten. 

Wie Sie wissen, wurde durch gründliche Untersuchungen und Beobachtungen in Deutschland und anderen Ländern festgestellt (1, 2), dass binnen weniger Jahre ein erheblicher Einbruch in den Populationen zahlreicher Insektenarten zu verzeichnen ist. Das betrifft Blüten besuchende wie auch andere Arten der verschiedensten Insektengruppen, am auffälligsten wohl die Honigbiene (3). Die Naturschutzverbände NABU und BUND rechnen mit Einbußen von bis zu 80 % der Biomasse an Insekten in den letzten Jahren (4). Als Hauptgrund für dieses “Verschwinden” wird jeweils der Einsatz von systemischen Insektiziden, namentlich der o. g. Stoffe vermutet. Diese Stoffe wirken auf das Nervensystem und somit auf den Orientierungssinn und das Verhalten von Insekten und anderen Gliedertieren. Darüber hinaus weisen diese Stoffe lange Halbwertszeiten auf - je nach Umweltbedingungen bis zu mehreren Jahren - wodurch sie im Boden wie auch im Grundwasser persistieren und wirksam bleiben (5).

Dem Rückgang der Artenvielfalt in unserer Landschaft liegt natürlich noch ein ganzes Bündel anderer Ursachen zugrunde (z.B. Landschaftsverbrauch, Monotonisierung und “Ausräumung” der Landschaft, Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft, großflächiger Einsatz von Herbiziden, Stickstoffeinträge, Klimaveränderung und zunehmende Luft- und Lichtverschmutzung). Dieser Prozess verläuft bereits seit vielen Jahren und ist am deutlichsten am Verschwinden der Vögel der Agrarlandschaft sichtbar (z.B. Kiebitz, Rebhuhn, Feldlerche). Der vor mehreren Jahren abrupt und vielerorts beobachtete starke Rückgang bei nahezu allen bestäubenden und vielen anderen Insektenarten im Südwesten steht aber offensichtlich in direktem Zusammenhang mit der Aussaat von Neonikotinoid-gebeiztem Maissaatgut.

Von diesem massiven Rückgang der Insekten sind nicht allein die Honigbiene und auch nicht ausschließlich landwirtschaftliche Flächen betroffen, vielmehr sind seither auch in weniger intensiv genutzten Bereichen im Oberrheingebiet, namentlich auch im Kaiserstuhl, zahlreiche Insektenarten weitgehend ausgefallen. Viele bisher häufige Arten sind auf geringere Individuenzahlen reduziert, während die schon immer recht seltenen Besonderheiten der hiesigen Insektenfauna heute kaum noch auffindbar sind; für einen Teil dieser Arten trägt das Land Baden-Württemberg eine besondere Verantwortung (z. B. 6, 7).

Obwohl der Einsatz von drei Neonikotinoid-Wirkstoffen seit 2013 einstweilig verboten wurde, hat sich die bedrohliche Situation wegen der Langlebigkeit und des Vordringens der Neonikotinoide über Luft und Wasser in weitere Biotopbereiche sogar noch zugespitzt. Damit einhergehend wird außerdem ein nicht minder drastischer und Besorgnis erregender Rückgang an insektenfressenden Wirbeltieren, insbesondere an bestimmten Vogelarten, wissenschaftlich nachgewiesen und von vielen Menschen beobachtet (8). 

Das Insektensterben findet dennoch von breiten Kreisen der Bevölkerung unbemerkt statt. Vielleicht fällt es Autofahrern mit gutem Gedächtnis auf, wenn nach längerer Autobahnfahrt die Windschutzscheibe – im Gegensatz zu früheren Jahren – fast insektenfrei ist. Für aufmerksame Naturbeobachter wird dies auch am Ausbleiben des früheren Gewimmels und Gesummes von vielen Insekten auf blühenden Sträuchern im Frühjahr offensichtlich. Nicht zuletzt fällt den mit der Kartierung von Insektenarten beauftragten Fachleuten an der Leere ihrer Netze, Klopfschirme und Fallen die Veränderung auf. Die bemerkenswert große Artenvielfalt und Insektenfülle, die wir am südlichen Oberrhein noch vor 15 Jahren dokumentiert haben (9) - u. a. über 2.100 Käferarten - ist augenscheinlich seither stark zurückgegangen. 

Als mittel- bis langfristige Folgen bei einem weitgehenden Ausfall der Blütenbestäuber würden sich für die Landwirtschaft enorme Einbußen ergeben, da in Europa etwa 80 % der Ernte von Bestäubern abhängig sind (10). Darüber hinaus kommt es in der gesamten naturnahen Umwelt zu weiteren schweren Beeinträchtigungen des ohnehin gestörten Gleichgewichts.

Die Insektenwelt ist schon jetzt so weitgehend dezimiert, dass es wahrscheinlich Jahre, wenn nicht Jahrzehnte brauchen wird, bis ihre Vielfalt wieder einigermaßen hergestellt ist. Wir appellieren deshalb an Sie, Herr Ministerpräsident, Herr Minister Untersteller und Herr Minister Hauk, die folgenden Vorschläge und Forderungen zu unterstützen und im Rahmen Ihrer Möglichkeiten und Zuständigkeiten umzusetzen: 

  • Ein vollständiges und dauerhaftes Verbot der Neonikotinoide in der Europäischen Union noch vor Beginn der Vegetationszeit 2017 als eine der am raschesten realisierbaren Maßnahmen, z.B. über die Forderung und Unterstützung einer Bundesratsinitiative.
  • Die Realisierung und Erweiterung eines breit angelegten Programmes, entsprechend der ambitionierten Zielsetzung des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz der Vorgängerregierung (11, 12), als Maßnahme gegen das Verschwinden der Insekten, nämlich die umgehende Veranlassung und großzügige Finanzierung von nachhaltigen Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität wie z.B. die Renaturierung von Ackerrändern (“Ackerrandstreifen”), die konsequente Umsetzung der gesetzlich vorgeschriebenen Gewässerrandstreifen, die möglichst großflächige Neuausweisung bzw. Vergrößerung von Schutzgebieten nach Naturschutz- und Landeswaldgesetz sowie die Förderung des Arten-, Biotop- und Landschaftsschutzes wie auch der Biologischen Landwirtschaft auf allen Ebenen der Planung, der Verwaltung und der Umsetzung vor Ort.
  • Die alsbaldige Einführung eines landes- und bundesweiten Langzeit-Monitorings wichtiger Zeigergruppen von Insekten und Insektenfressern. Zu fordern sind auch systematische Rückstandsuntersuchungen auf Neonikotinoide in Böden, Gewässern, Pflanzen und Insekten.
  • Unterstützung der Einrichtung eines unabhängigen Forschungszentrums mit der Aufgabe, alle Ursachen für den aktuell zu beobachtenden Rückgang der Insektenpopulationen zu ergründen und Schutzkonzepte zu entwickeln. Dazu gehört auch die Erfassung und Auswertung von entsprechenden Untersuchungen, Beobachtungen und Konsequenzen im In- und Ausland.
  • Die längerfristige Förderung von Öffentlichkeitsarbeit zur Stärkung des allgemeinen Problembewusstseins über die weitreichenden Konsequenzen des Insektensterbens.

Noch ist es nicht zu spät, die Artenvielfalt unserer Insektenwelt und damit die Vielfalt und das Gleichgewicht der naturnahen Umwelt in Deutschland und Europa zu stabilisieren - doch allerhöchste Zeit, wenn es demnächst zur Abstimmung über eine mögliche Wiederzulassung der hochproblematischen Neonikotinoide kommt. Eine falsche Entscheidung hierbei könnte verheerende Folgen haben und wäre unvereinbar mit allen Vorstellungen von Nachhaltigkeit und umweltgerechter Landwirtschaft.

Das Verschwinden der Insekten und damit eines Teils unserer Lebensqualität wird von vielen Menschen mit Sorge gesehen. Daher erwarten die Bürger von der Landesregierung, dass dieses Thema mit der notwendigen Ernsthaftigkeit behandelt wird. Ergreifen Sie im Rahmen Ihrer Möglichkeiten und Zuständigkeiten Maßnahmen, die diese dramatische Verarmung unserer Natur in Baden-Württemberg und darüber hinaus aufhalten und baldmöglichst umkehren. 

Dazu gehört aktuell ganz besonders, mit allen Ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die Wiederzulassung der gefährlichen Neonikotinoide zu verhindern.

Wir sehen Ihren Antworten mit Interesse entgegen und bedanken uns im Voraus für Ihre Unterstützung.

Mit freundlichen Grüßen,
Freiburger Entomologischer Arbeitskreis 

Der Brief wird von folgenden Verbänden und Organisationen mitgetragen:

Arbeitsgemeinschaft Feldherpetologie und Artenschutz Baden-Württemberg e.V.
Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz Baden-Württemberg e.V.
Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutscher Koleopterologen (ASK) im Entomologischen Verein Stuttgart 1869 e.V.
Badischer Landesverein für Naturkunde und Naturschutz
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Landesverband
BUND-Regionalverband Südlicher Oberrhein
Entomologische Arbeitsgemeinschaft im Naturwissenschaftlichen Verein Karlsruhe e.V.
Fachschaft für Ornithologie Südlicher Oberrhein
Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg e.V.
Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg (LNV)
Naturfreunde Baden-Württemberg
Naturfreunde, Ortsgruppe Freiburg
Naturschutzbund Deutschland (NABU), Landesverband Baden-Württemberg
Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Kreisverband Freiburg
Schutzgemeinschaft Libellen in Baden-Württemberg e.V.

Dieser Offene Brief wurde initiiert und formuliert
vom Freiburger Entomologischen Arbeitskreis (FREAK)

 

Literatur (Auswahl):

1. ANONYMUS, 2016: NABUwarnt vor Insektensterben. —Naturin NRW 1/2016: 8-9

2. STEIDLE,J.et al., 2016: Alarmstufe Rot –Insektensterben statt Bienentanz: Wissenschaftler fordern Sofortmaßnahmen gegen Artenschwund. —http://cache.pressmailing.net/content/db97de98-4cda-4c82-bc00-58ca89614e87/Resolution_Insektenschutz_Oktober_2016.pdf

3. WENZEL,K.-W.,2015:Neonikotinoid-Insektizideals Verursacher des Bienensterbens –Ein Addendum zum Beitrag von Hans-Joachim Flügel in der März-Ausgabe der EZ (Hymenoptera: Apidae). —Entomologische Zeitschrift 125(2), S. 67-73

4. NABU, 2016: Dramatisches Insektensterben –Rückgang um 80 Prozent in Teilen Deutsch-lands. —https://www.nabu.de/news/2016/01/20033.html

5. GOULSON D., 2013: An overview of the environmental risks posed by neonicotinoid insecti-cides. —Journal of Applied Ecology50, S.977–987

6. EBERT,G.,HOFMANN,A.,KARBIENER,O.,MEINEKE,J.-U.,STEINER,A.&TRUSCH,R.(2008): Rote Liste und Artenverzeichnis der Großschmetterlinge Baden-Württembergs (Stand: 2004). —LUBW Online-Veröffentlichung

7. LANDESANSTALT FÜR UMWELTSCHUTZ BADEN-WÜRTTEMBERG (LFU)(HRSG.),2001: Rote Liste der Schwebfliegen (Diptera: Syrphidae) Baden-Württembergs -2. Fassung, Stand 15.September 2000 -1. Auflage 2001).—NATURSCHUTZ-PRAXIS,ARTENSCHUTZ 5

8. HALLMANN C.et al., 2014: Declines in insectivorous birds are associated with high neonico-tinoid concentrations. —Nature 511, S. 341-343

9. LANDESANSTALT FÜR UMWELTSCHUTZ BADEN-WÜRTTEMBERG (LFU)(HRSG.), 2000: Vom Wildstrom zur Trockenaue. Natur und Geschichte der Flusslandschaft am südlichen Oberrhein. —Naturschutz-Spectrum –Themen 92; Verlag Regionalkultur

10. GODFRAY,H.C.J.et al., 2015: A restatement of recent advances in the natural science evi-dencebase concerning neonicotinoid insecticides and insect pollinators. —Proceedings of the Royal Society B, Biological Sciences 282: 20151821.

11. MINISTERIUM FÜR LÄNDLICHEN RAUM UND VERBRAUCHERSCHUTZ BADEN-WÜRTTEMBERG (MLR),2014:Naturschutzstrategie Baden-Württemberg.  Biologische Vielfalt und naturverträgliches Wirtschaften –für die Zukunft unseres Landes. —Broschüre, 2. Aufl., 119 Seiten

12. MINISTERIUM FÜR LÄNDLICHEN RAUM UND VERBRAUCHERSCHUTZ BADEN-WÜRTTEMBERG (MLR),2016:Bericht zur Lage der Natur in Baden-Württemberg. —Broschüre MLR, Drucknummer 2-2016-61, Januar 2016, 116 Seitenund:Landtag von Baden-Württemberg, Drucksache 15/7930 vom 13.01.2016

Weiterführende Informationen:

Die im Offenen Brief angesprochene bevorstehende Prüfung der Wiederzulassung der drei höchst gefährlichen Neonikotinoid-Insektizide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam bei der EU-Kommission findet im Herbst 2017 statt.

Am 08. Januar 2017 wurde dieser Brief auch von der Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen e.V. als Offener Brief an die Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen, Frau Hannelore Kraft, gesandt.

Kommentare

Erstellt von Gabi Jaeger (nicht überprüft) on Sa, 11/02/2017 - 13:54 Permanenter Link

Danke euch für die Info.

Ich werde diesen Brief ausdrucken und an Freunde und Bekannte weitergeben.Einige davon sind auch in der Landwirtschaft tätig. Es ist besser als nichts zu tun. Vielleicht kann ich damit die Aufmerksamkeit von ein paar Menschen erreichen.

Leider wird vielen Landwirten von den großen Herstellern der Spritzmittel anderes vorgegaukelt.

Ich wohne in einer Kirschenanbau- Region. Auf den Plantagen ist es mittlerweile gängige Praxis unter den Bäumen alles abzuspritzen, damit man dort nicht mähen muß, sondern ohne Mühe die Stiegen aufstellen kann. Fragen darf man nicht stellen. Leider verderben einige radikale Umweltschützer mit teilweise dummer und heftiger Vorgehensweise die Fortschritte der anderen. Ich halte einen Gedankenaustausch beider Seiten für wichtig!

LG Gabi

 

Hallo Gabi,

der von Dir angesprochenen Praxis der Fehlinformation der Landwirte durch die großen Hersteller der Spritzmittel begegne ich auch immer wieder, insbesondere bei Diskussionen im Anschluss der Multivisions-Vorträge, die ich halte. Sehr häufig werde ich hierbei mit äußerst verwunderten Reaktionen seitens anwesender Landwirte konfrontiert, die teils völlig entsetzt feststellen, dass sie diese Dinge, die ich in den Vorträgen zeige, noch nie gehört, geschweige denn gesehen hätten. In diesem Zusammenhang wird dann zusätzlich oft deutlich, dass auch der Bauernverband seine Mitglieder (in diesem Berufs-Verband sind - defensiv ausgedrückt - sehr viele Landwirte organisiert) offensichtlich sehr einseitig informiert.

Leider stellt der Bauernverband für zahlreiche Landwirte anscheinend die einzige Informationsquelle dar. Denn leider wird von sehr vielen Landwirten die Information von "Grüner Seite" (beispielsweise Naturschutzverbänden und Co.) regelrecht boykottiert. Die Gründe hierfür sind vielfältig - und leider auch immer wieder begründet in einem, auch da gebe ich Dir Recht, ziemlich unklugen Vorgehen dieser "grünen" Seite. Dennoch wünsche ich mir zunehmend hier auch eine stärkere Differenzierungsbereitschaft seitens der Landwirte.

Wir scheinen derzeit in einer Sackgasse zu stecken. Die Situation, die sich jetzt aktuell darstellt, ist das vorläufige Ergebnis jahrzehntelanger Vorgehensweise unserer (land)wirtschaftlichen und naturschutzorientierten Praktiken. Die Gegenwart zeigt: Diese Praktiken sind alles andere als erfolgreich. Der Druck auf die Lebensräume ist groß wie nie zuvor. Unsere Ökosysteme sind kurz davor zu kollabieren. Und hier geht es nicht nur um "weit von uns entfernt" befindliche Systeme wie die tropischen Regenwälder, die Polkappen oder den Golfstrom. Es geht um die Ökosysteme direkt vor unserer Haustüre, die derzeit massiv und mit viel zu wenig Rücksichtnahme-Bereitschaft zerstört werden.

Dies zeigt, dass es höchste Zeit ist für ein Umdenken, und zwar nicht im Rahmen der bisher (gescheiterten) Vorgehensweisen! Wir müssen gänzlich neue Wege gehen. Die Notwendigkeit hierfür wird nicht zuletzt durch den Offenen Brief zahlreicher Wissenschaftler deutlich. Ob die Politiker bereit sein werden, im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu reagieren, auch wenn sie hierbei einzelnen Lobby-Verbänden auf die Füße steigen müssen, wird sich zeigen.

Lieber Gruß,

Roland

Hallo,

das erstaunt mich nicht, daß der Bauernverband die Mitglieder nicht bzw. nur einseitig informiert. Der Vorstand ist bestimmt Lobby-gesteuert. Das wäre ein Ansatzpunkt für die nächste Kampagne in diesem Zusammenhang. NaBu oder sonstige Organisationen müßten irgendwie an Mitgliederlisten kommen und diese direkt anschreiben oder so ähnlich. Darf ich Deinen Kommentar auf Facebook posten? Das wäre hinsichtlich einer möglichen neuen Kampagne möglicherweise sinnvoll.

VG Ingrid

Hallo Ingrid,

was ich hier schreibe, kann auch anderswo gepostet werden - ansonsten würde ich es nicht schreiben :-).

Aber es ist nett, gut und richtig, dass Du nachfragst. Ich wünsche Dir viel Erfolg und alles Gute.

Liebe Grüße,

Roland

Etwas zum Freuen für euch! Zur Info

Heute morgen war in unserer Zeitung ein Artikel vom Landkreis. Offensichtlich gibt es hier in Hessen ein Programm für Argarumwelt und Landschaftspflegemaßnahmen (  Halm). Kreisweit haben Landwirte über 225 Hektar Blühflächen freiwillig angelegt. Hinzu kommen weitere Agrarumweltmaßnahmen wie Ackerflächen mit vielgliedrigen Fruchtfolgen ( 1700 ha),Erosionsschutzstreifen ( 85 ha) Ackerrandstreifen ( 32 ha) sowie Ackerwildkrautflächen ( 7 ha). So stand es hier im Artikel.

Besonders freut mich dabei die Freiwilligkeit, denn das setzt voraus, dass sich Menschen mit diesem Thema auseinander gesetzt haben.

LG Gabi

 

Erstellt von Johannes Kurzawa (nicht überprüft) on Sa, 18/02/2017 - 14:53 Permanenter Link

Schön zu sehen das es noch Mitstreiter gibt.

Hier in NRW gibt es auch einen offenen Brief an die Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen, Frau Hannelore Kraft,
sowie an den
Minister für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen, Herrn Johannes Remmel.

Gemeinsam sind wir stark, packen wir es an.

Hallo Johannes,

ja, diejenigen Menschen, die sich mit dem Inhalt beziehungsweise den Forderungen des Offenen Briefs identifizieren, werden immer mehr. Ich bin gespannt, ob weitere Bundesländer nachziehen werden ...

Lieber Gruß,

Roland

Hallo, ja prima dass sich hier Leute engagieren, ich mache auch seit ca. 2 Jahren Makrofotos von Hummeln und recherchiere viel über Fluginsektensterben- habe dazu eine eigene Webseite erstellt: www.beeleaks.eu. Durch viel lesen und nachdenken und recherchieren und mailen bin ich jetzt zum Ergebnis gekommen, dass möglicherweise nicht alleine die Pestizide Schuld am Insektensterben haben, sondern eventuell gibt es noch zwei weitere Faktoren: einmal die VLF Wellen die vom Militär genutzt werden in Kombination mit den Mobilfunkwellen und dann noch möglicherweise Medikamentenrückständen, insbesondere die Hormone der Antibabypille in Pflanzen. Dazu gibt es offensichtlich international noch keine Forschung, ist aber beides möglich. Über einen russischen Wissenschaftler habe ich erfahren, dass es große Gebiete in Russland gibt wo die Bienen genauso sterben, aber gar keine Pestizide im Einsatz sind. Das macht nachdenklich...

Hallo Eva,

vielen Dank für Deine informativen Zeilen - sehr interessant. Auch Deine Seite habe ich mir mit Interesse angeschaut.

Bei aller Berechtigung und Notwendigkeit, sämtliche möglichen Ursachen in Erwägung zu ziehen und eingehend zu untersuchen (was alleine schon aus wissenschaftlicher Sicht notwendig ist), sollte nicht übersehen werden, dass es sehr konkrete Hinweise auf die fatalen Wirkung beispielsweise der Neonicotinoide auf Insekten gibt. Gleichzeitig ist bekannt, wie stark sich der Einsatz dieses Nervengifts insbesondere in den vergangenen zehn Jahren auf unseren landwirtschaftlichen Flächen erhöht hat. Hier liegen also sehr überzeugende Plausibilitäten vor, die man vor dem Hintergrund des rasch fortschreitenden Insektensterbens sehr schnell sehr ernst nehmen und entsprechende Maßnahme vornehmen sollte.

Es ist wohl eine vielleicht typisch deutsche Tugend, vielleicht aber auch charakteristisch für alle heutigen Zivilisationen, Dinge endlos abzuwägen, sich totzuforschen und damit letztendlich nur (wertvolle) Zeit verstreichen lässt, während parallel unerwünschte Vorgänge weiterlaufen - sprich die Landwirtschaft weiterhin in bewährtem Maße Ihr fatales Negativhandeln gezielt fortsetzt. Genau dieses Vorgehen hat uns bisher dorthin geführt, wo wir heute sind - und worüber wir uns leider heute hier austauschen. 

Lieber Gruß,

Roland

Erstellt von Jörg P. (nicht überprüft) on Fr, 04/08/2017 - 20:43 Permanenter Link

Ganz sicher ist die Intensivierung der Landwirtschaft zu einem großen Teil schuld am Insektensterben.
Ich behaupte aber, dass der Straßenverkehr ein genau so großer Faktor ist.
An den immer wenigeren Insekten auf den Autoscheiben sind die Autoscheiben selbst und das Drumherum schuld.
46 Millionen zugelassene Pkw, rund 4 Millionen Krafträder und fast drei Millionen Lkw in Deutschland. (Stand Anfang 2017) Davon fahren nicht alle täglich, aber es kommen die Transitfahrzeuge hinzu. Es sind also viele Millionen "Autoscheiben" täglich auf Insektenjagd. Weltweit gesehen ist das eine enorme Vernichtungsmaschinerie. Diese Verluste kann die Natur auf Dauer nicht ausgleichen!
Ich fahre fast täglich durch Wald- und Wiesengebiete, die weit von der "modernen Landwirtschaft" entfernt sind. Eigentlich müsste es dort immer noch viel mehr Insekten geben. Nein, negativ! Dort gibt es genau so wenig wie in den fast blütenlosen Gebieten.

Die Menschheit bekommt höchstwahrscheinlich ein echtes Problem. Das will nur jetzt noch keiner so richtig wahrhaben. Einerseits gibt es eine große Gleichgültigkeit, andererseits gibt es die Lobbyisten und die Profitgier.
Die, die jetzt noch kräftig an der Umweltzerstörung verdienen, die erleben den Supergau des Insektensterbens nicht mehr.
Ich zum Glück auch nicht .....

Hallo Jörg,

Du schreibst sehr treffend. Ich muss gestehen: Auch mir kommen öfter so "scheußliche" Gedanken, wer wohl für den ganzen Wahnsinn, der mit vollem Bewusstsein gemacht wird, letztendlich schmerzhaft bezahlen wird - die Haupt-Verantwortlichen? Seit einigen Jahren sagen sich viele Menschen von dieser Entwicklung los, und es werden immer mehr. Wie wird´s weitergehen? Wie groß und dreist wird der Widerstand derer werden, die, wie Du schreibst, weiterhin "noch kräftig an der Umweltzerstörung verdienen" werden?

Noch ein paar Sätze zu der "Verteilung" der großen Insektenverluste:

Die Tatsache, dass wir - recht plötzlich übrigens - auch außerhalb der landwirtschaftlich verseuchten Gebiete (wenn man ehrlich ist, kann man diese Auswüchse industrialisierter Landwirtschaft nicht mehr anders nennen) so hohe Insektenverluste feststellen, ist ein sehr dramatischer Aspekt dieser ganzen Sache. Die Ergebnisse der Wissenschaftler des Entomologischen Vereins Krefeld eV zeigen den mit Abstand größten Verlust in Naturschutzgebieten. Wie kommt das zustande?

Hier sind zwei wesentliche Dinge zu beachten:

Verfrachtung der Giftstoffe

Zum einen werden zunehmend deutliche Verfrachtungen der landwirtschaftlich ausgebrachten Gifte belegt. Die Verfrachtungen geschehen z.B. in erheblichem Maße durch Winde, aber auch durch Wasser, Grundwasser usw.

Dieses Phänomen, was bereits seit längerer Zeit bekannt ist, bekommt bei den aktuell besonders in der Kritik stehenden Pflanzenschutzmitteln, die Gruppe der Neonicotinoide, eine ganz neue Bedeutung. Denn diese Mittel reichen über eine andere Weise weit über die Grenzen ihrer Anwendung hinaus; es sind Nervengifte, die nicht tödlich wirken, sondern die Verhaltensweisen der Tiere, die sie aufgenommen haben, verändern. Das heißt, sie leben weiter, laufen weiter, fliegen weiter, finden aber beispielsweise nicht mehr zum Nest oder zu den Nahrungslebensräumen. Somit haben diese Gifte eine tödliche Auswirkung auf riesiger Fläche - also weit über die Ausbringungs- bzw. Anwendungsgrenze hinweg. Das ist äußerst perfide, und das ist gleichzeitig äußerst gefährlich!

Die höchsten Verluste in Naturschutzgebieten - warum?

Dieser Umstand wird zur Zeit in vielen Medien völlig falsch diskutiert und analysiert. In Naturschutzgebieten sind die Verluste deshalb besonders hoch, weil hier zu Beginn der wissenschaftlichen Aufnahmen die meisten Tiere waren, wesentlich mehr als außerhalb. Die landwirtschaftlich genutzten Flächen beherbergten bereits in den 80ger Jahren, als die "Krefelder Untersuchungen" begannen, nur noch wenige Insekten. Und wo bereits wenig ist, fällt auch der Rückgang geringer aus als dort, wo es zur selben Zeit noch reichlich schwirrte.

Das ist makaber, aber nun mal leider Fakt. Die Landwirtschaft hat also mittlerweile begonnen, auch die Gebiete außerhalb ihrer Nutzungsflächen im großen Stil zu vergiften - zum einen durch Verfrachtung, zum anderen über die Tiere selbst. Das ist sehr, sehr bitter. Und es ist mehr als verständlich, dass sich zunehmend mehr Menschen das nicht mehr gefallen lassen - ich auch nicht ...

Lieber Gruß,

Roland

 

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